Gail Honeyman – Ich, Eleanor Oliphant

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Gail Honeyman – Ich, Eleanor Oliphant

Eleanor Oliphant ist eine junge Frau, die ein sehr geregeltes Leben führt. Sie geht morgens pünktlich zur Arbeit als Debitorenbuchhalterin, kehrt am Abend zurück, hört dann die Archers im Radio und kocht sich Nudeln mit Pesto. Jeden Tag. Außer freitags, da gönnt sie sich eine Fertigpizza und zwei Flaschen Wodka, mit denen sie dann das Wochenende überleben kann. Kontakt zu Menschen hat sie kaum, mit ihren Kollegen spricht sie nur das Nötigste. Freunde? Fehlanzeige. Nur mit ihrer Mutter telefoniert sie einmal pro Woche. So geht das Leben jahrein jahraus. Bis sie eines Tages nach der Arbeit zufällig zusammen mit ihrem Kollegen Raymond Zeuge eines Zusammenbruchs eines alten Mannes wird. Raymond zwingt sie, dem Mann ebenfalls zu helfen und ihn auch wenige Tage später im Krankenhaus zu besuchen. Raymond ist fasziniert und verwundert zugleich von der Frau, der so jede Sozialkompetenz zu fehlen scheint und die alle Aussagen ihrer Mitmenschen wörtlich zu nehmen scheint. Normale soziale Anlässe überfordern sie, aber langsam bewegt sich etwas in Eleanor und vielleicht gelingt es Raymond ja herauszufinden, wo die Narben herkommen, die in Eleanors Gesicht und Hände prägen.

Zu Beginn des Romans hat mich Eleanor mit ihrer Art etwas überfordert, ähnlich wie auch die Figuren, denen sie im Alltag begegnet. Einerseits macht sie einen intelligenten und gebildeten Eindruck, doch in der Interaktion mit anderen versagt sie kläglich. Sie kann ihre Gesten und Mimik nicht deuten, spricht eine andere Sprache als sie und all das, was für Menschen in ihrem Alter normal zu sein scheint, ist ihr völlig fremd. Sie hat sich Standardsätze antrainiert, mit denen es ihr gelingt, einfache Konversation zu bewältigen, ansonsten hält sie sich von Menschen fern. Ihr Verhalten liegt schon beinahe im Autismusspektrum, so abweichend ist es; die Tatsache, dass sie vom Sozialdienst betreut wird, spricht auch dafür, dass sie doch größere Probleme in der eigenständigen Lebensbewältigung hat. Doch durch den Kontakt zu Raymond lernt sie langsam hinzu und öffnet sich für die Welt. Zu diesen neuen Erfahrungen kommt auch zum ersten Mal so etwas wie Verliebtheit, ein Sänger einer lokalen Band hat es ihr angetan und sie ist fest davon überzeugt, dass sie ihn von sich überzeugen kann. Doch dann kommt der Rückschlag und Eleanor wird in die dunkelste Zeit ihres Lebens zurückgeworfen, langsam erfährt der Leser, warum die junge Frau so geworden ist, wie sie ist und welches Schicksal sie durchleiden musste.

Der Roman überzeugt vor allem durch die Figurenzeichnung Eleanors. Zunächst die in kleinen Szenen verdeutlichte Schwierigkeit im Umgang mit Menschen, aber auch ihre Entwicklung und der unvermeidliche Rückschlag – den ich insbesondere passend fand, im Leben geht nicht immer gradlinig bergauf. Der zweite Aspekt ist die Frage, was in Eleanors Leben geschehen ist. Immer wieder äußert sie im Gespräch kleine Details: sie trägt einen neuen Namen, bekam eine neue Identität, zog als Kind häufig um, es gab irgendwann wohl ein Feuer – doch erst gegen Ende enthüllt sich das ganze Drama, das einem als Leser schier den Atem raubt.

Psychologisch besonders spannend fand ich das Verhältnis zwischen Eleanor und ihrer Mutter. Einerseits haben sie regelmäßig Kontakt, die Mutter nimmt Anteil an ihrem Leben und zeigt Interesse, gleichzeitig beleidigt und beschimpft sie Eleanor. Die junge Frau kann sich ihrem Urteil auch nicht lösen denn, die ist nun einmal ihre Mutter:

„Sie ist ein schlechter Mensch und hat Schlimmes getan, aber eine andere Mutter habe ich nicht.“ (Pos. 5472)

Ein bemerkenswerter Roman, der jedoch für meinen Geschmack mit einer Triggerwarnung versehen werden sollte, denn vieles, was hier dargestellt wird, ist sicherlich nicht für jeden Leser einfach zu ertragen.

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