Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

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Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

Ein grauer Januarmorgen, Maryse überlegt noch, ob sie schon aufstehen soll oder doch wartet bis ihr Mann Georges sie weckt. Die üblichen Morgenrituale, bis er sich mit den Worten „Schatz, ich geh zu Charlie!“ verabschiedet. Am Nachmittag werden sie sich schon wiedersehen, um eine Wohnung zu besichtigen, ein Umzug steht an. Aber dieser Termin wird ausfallen, denn am späten Vormittag wird Georges Wolinski beim Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo von den Brüdern Kouachi eins von insgesamt zwölf Todesopfern des Anschlags werden. Mit ihm kommen die berühmtesten Karikaturisten des Landes ums Leben: Cabu, Charb und Tignous. Seit 1971 waren Maryse und Georges verheiratet bis im Namen Allahs ihr Mann für seinen Glauben an die Meinungsfreiheit sterben musste. Der Taxifahrer, der sie fährt, als sie die schreckliche Nachricht erhält, begleitet sie nach Hause und gibt er, auch wenn schon kaum mehr Hoffnung besteht, folgende, bewegende Sätze mit auf ihren ungewissen Weg: »Madame, ich wünsche, dass Ihrem Mann nichts zugestoßen ist. Ich werde an Sie denken. Ich werde für Sie beten.« Mehr konnte er nicht tun.

In Frankreich erschien das Buch der Witwe auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag, in Deutschland erst im Januar 2017. Für mich weitgehend ein Dokument des Umgangs mit der Trauer. Minutiös beschreibt sie die Momente am Morgen bis zur Verabschiedung Georges‘. Danach rekonstruiert sie ebenso akribisch die Vorgänge des 7.1.2015. Viel Zeit hat sie für Gespräche mit Augenzeugen aufgewandt, um zu verstehen, was sich genau zugetragen hat in den letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen. Die Taubheit in den Stunden nach der Todesnachricht schildert sie eindringlich, ebenso wie das, was sie für den Mann empfunden hat, dessen Ring sie mehr als 40 Jahre trug.

Es ist weder ein besonders persönliches Buch noch ist es eine Anklage, obwohl viele Probleme hier offengelegt werden: warum gab es nicht mehr Schutz für die Journalisten, obwohl die Bedrohungslage derart evident war? Wie war die wirtschaftliche Entwicklung in den Monaten davor und vor allem nach dem Erfolg der Ausgabe der Überlebenden und wie ist dies moralisch mit den Grundsätzen der Gründer zu vereinen? Wie geht man in so einer Extremsituation mit Angehörigen um, die weder zum Ort des Geschehens vorgelassen werden noch verlässliche Informationen erhalten?

Man kann so ein Ereignis nicht wirklich voraussehen und vermutlich auch nicht verhindern. Meist sind unbeteiligte, willkürlich ausgewählte Menschen Opfer der heimtückischen Anschläge. Im Falle von Charlie Hebdo lag der Fall etwas anders. Die Journalisten waren sich der Gefahr bewusst und dennoch sahen sie es als ihre Aufgabe an, sich dieser zu stellen. Für Wolinski und die anderen Gründer der Zeitschrift gab es kein Wegducken:

„Ein fünfzig Jahre währender Kampf für die Meinungsfreiheit, um sich nun mit Obskurantismus, Barbarei und Scharia konfrontiert zu sehen. Und erneut die Frage: Darf man sich über alles lustig machen? Georges hat sich entschieden – Humor als Widerstand.“

Man kann nur hoffen, dass sie nicht umsonst gestorben sind, sondern ihre Haltung noch lange Zeit junge Journalisten ermutigt, es ihnen gleichzutun.

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Marlene Hofmann – Ein Jahr in Kopenhagen

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Marlene Hofmann – Ein Jahr in Kopenhagen

Die Liebe führt Marlene Hofmann nach dem Studium der Journalistik und Skandinavistik nach Kopenhagen. Die Hauptstadt des Landes, das regelmäßig in den Umfragen auf Platz 1 bei den glücklichsten Bewohnern liegt, empfängt sie zunächst freundlich, doch bald schon zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, im Land von Hygge wirklich anzukommen. Die Menschen sind offen und interessiert, aber es dauert, bis sie wirklich Freunde findet. Dänemark ist klein und jeder schien jeden schon seit dem Kindergarten zu kennen, wirklich Bedarf an neuen Bekanntschaften scheint es nicht zu geben, was es für Neuankömmlinge nicht einfach macht. Auch die dänische Verwaltung, die fast ausschließlich per Internet funktioniert, hat es in sich: einerseits lässt sich quasi alles von zu Hause erledigen, andererseits gibt es horrende Kosten, beispielsweise um sein Auto zu importieren. Ein eigenes Thema ist das Radfahren in Kopenhagen. Ausgebaute Schnellstraßen und grüne Wellen erlauben das Radeln ganzjährig rund um Uhr – das tun dann auch entsprechend viele und an das Fahren im Pulk muss man sich erst einmal gewöhnen.

Marlene Hofmanns Eindrücke ihrer ersten Monate in Dänemark sind unterhaltsam zu lesen. Vor allem räumen sie mit gängigen Klischees der weltoffenen Skandinavier auf, die einem sofort in die Arme schließen. Wie einsam sie sich oft fühlte, da es eben gerade nicht einfach ist, in einem Land mit weniger als 6 Millionen Einwohnern Anschluss zu finden, wird sehr deutlich. Viele statistische Einwürfe, gerade zu der Zeit als sie schwanger ist und die Verhältnisse zwischen Dänemark und Deutschland sich hier deutlich unterscheiden, liefern Unmengen an Information und Einblick in das Leben unserer nördlichen Nachbarn.

Für mich bereits der vierte Band aus der Reihe der etwas anderen Reiseführer des Herder Verlags. Nachdem ich mit Silja Ukena bereits Paris bereiste, mit Christiane Wirtz in Tel Aviv und mit Rita Henß in der Provence war nun eben Kopenhagen. Was mir insgesamt an der Reihe gefällt, ist die Tatsache, dass es kein klassischer Reiseführer ist, der den Blick auf die Sehenswürdigkeiten lenkt, sondern den Blick auf den Alltag der Bewohner legt und so einen ganz anderen Blick auf die Stadt gibt. Gerade zu Orten, an denen ich selbst länger gelebt habe, finde ich dies ungemein spannend und zudem ist es dem Herder Verlag gelungen Autoren zu finden, die einen unterhaltsamen Ton finden und tatsächlich von einem interessanten Alltag zu berichten haben. Eine Reiseführerreihe, die auch Daheimgebliebenen Spaß macht.