Arno Frank – So, und jetzt kommst du

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Arno Frank – So, und jetzt kommst du

Aus der pfälzischen Provinz begibt sich eine Familie nicht ganz freiwillig auf eine Reise. Mit den drei Kindern im Gepäck geht es zunächst nach Südfrankreich, wo sie aufleben und das Dasein in einer Villa oberhalb der Côte d’Azur genießen. Doch das süße Leben währt nicht lange und bald schon steht die Weiterreise an, Portugal ist dieses Mal das Ziel. An den Rand Europas führt sie die Flucht und allmählich schwant den Kindern, dass diese Reise nicht ganz freiwillig ist und dass ihr liebender Vater kein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern ein gesuchter Ganove ist, der sich samt Familie vor der Polizei versteckt. Doch da droht schon wieder der nächste Aufbruch, nach Paris wird angesteuert, wo alles besser werden soll – oder doch alles plötzlich ein Ende findet?

Beim Lesen des Buchs schwankt man zwischen Entsetzen und Vergnügen. Ganz wunderbar gefällt mir der junge Erzähler, der in glaubwürdig naiver Weise seine Eltern beobachtet und vieles sieht, aber nicht verstehen oder einordnen kann. So manches schwant dem Leser recht schnell, aber es wird durch die noch kindliche Sicht auf die Dinge in eine Leichtigkeit versetzt, die einem immer wieder schmunzeln lässt. Der Vergleich mit den Klassenkameraden beispielsweise, die Markenkleidung tragen und deren Eltern hohe Posten begleiten, während er als „Sohn eines Wimpelhändlers von der Ausfallstraße“ nicht mithalten kann. Auch kann er nicht verstehen, was dieses ominöse „Dédé Air“ eigentlich ist, er vermutet ein französisches Protektorat, auch wenn dort irgendwelche Deutschen offenbar wohnen. Ein Highlight auch der Besuch des Betzenbergs mit dem Opa, der zugleich eine wichtige Lektion fürs Leben parat hat:

„Wenn um dich herum die Massen eine bestimmte Meinung haben, dann musst du auf deiner eigenen Meinung beharren. Dann ganz besonders, verstehst du? Die Masse wird dann aber meistens sauer. Und dann ist es besser, man verzieht sich.“ (Pos. 801)

Die kriminelle Energie der Eltern wird lange Zeit nicht offen thematisiert, für die Kinder ist die Reise in die Fremde spannend und ein Spaß zugleich. Dass das Verhalten verantwortungslos und indiskutabel ist, steht außer Frage; jedoch spürt man auch die Verzweiflung, der vergebliche Versuch irgendwie wieder auf die Beine zu kommen und die Sorgen von den Kindern fernzuhalten, ihnen trotz der Widrigkeiten ein gutes und sorgenfreies Leben zu bieten. In diesem Punkt kann man den Eltern kaum einen Vorwurf machen, bis zum Ende sind sie um das Wohl der drei bemüht und besorgt, aber es geht ihnen die Luft aus. Man ist kritisch ihnen gegenüber und kann doch nicht umhin, auch Sympathien zu entwickeln, gerade ob der Bauernschläue, die Vater Jürgen an den Tag legt. In Portugal erläutert er seinem Sohn sein Konzept von Wahrheit, als sie bei dem Concierge Mitleid wecken wollen. Entsetzt fragt der junge Arno, ob der Vater die Wahrheit erzählt habe: „Aber natürlich. Manchmal muss man einfach ehrlich sein. (…) – das ist doch gar nicht die Wahrheit. – Für ihn jetzt schon.“ (Pos. 3087).

Viele spannende Themen werden bei diesem ungewöhnlichen Roadtrip verarbeitet. Das Erwachsenwerden und der Blick auf die Eltern und die Realisierung, dass diese vielleicht nicht die Personen sind, für die man sie hält. Das fragile Gebilde einer Ehe, die durch die Umstände strapaziert wird. Das Zurechtfinden an anderen Orten, in anderen Ländern. Und die Frage, wieviel eine Familie aushalten kann und muss und ob es eine Grenze des Zumutbaren gibt.

Ein Roman, der gekonnt zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit balanciert.

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Isabelle Autissier – Herz auf Eis

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Isabelle Autissier – Herz auf Eis

Als ihr Arbeitsleben und ihre Beziehung in Routine und Langeweile abzudriften droht, beschließen Louise und Ludovic auszubrechen und ein Sabbatjahr zu nehmen. Mit einem Schiff wollen sie die Welt umrunden und neue Erfahrungen sammeln. Eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn ist einer der Stopps, kann man dort doch unberührte Landschaft bei Wanderungen entdecken. Während sie durch die Berge laufen, zieht schlechtes Wetter auf. Sie beschließen nicht raus zur Yacht zu fahren, sondern die Nacht auf der Insel zu verbringen bis sich das Wetter wieder beruhigt hat. Am nächsten Morgen jedoch müssen sie entdecken, dass der Sturm ihre Yacht losgerissen hat und sie auf der Insel festsitzen. Fernab der Zivilisation beginnt der Kampf ums nackte Überleben und die ohnehin bisweilen fragile Beziehung wird auf ihre schwerste Probe gestellt.

Das Buch besteht aus drei letztlich sehr verschiedenen Teilen. Zunächst lernen wir Ludovic und Louise kennen, ihre gemeinsame Vergangenheit und vor allem die Unterschiede in ihren Charakteren. Louise, die schüchterne und um Sicherheit bemühte Beamtin, die nur beim Wandern entspannen und locker werden kann. Dagegen der Frauenschwarm Ludovic, in bessere Verhältnisse geboren und vom Leben verwöhnt, der berufliche Niederlagen nur schwer verkraften kann und daher schnell einen Ausweg sucht. Dass diese beiden überhaupt zueinander finden, ist schon eher verwunderlich und dass sie sich auf die enge einer Yacht begeben, verspricht Konfliktpotenzial.

Der Hauptteil des Buchs beschreibt die Gefangenschaft auf der einsamen Insel. Ganz praktisch wird schnell klar, dass die beiden Großstädter in keiner Weise auf das Leben inmitten der Natur vorbereitet sind und einfachste Tätigkeiten sie vor große Herausforderungen stellen. Reparaturen ebenso wie die Jagd nach Essen erschöpfen sie vollends und bieten immer wieder Anlass für Streit und Zerwürfnis. Ab einem gewissen Punkt wird offenkundig, dass sie dieses Abenteuer wohl nicht beide überleben werden, nur wer am Ende robuster und härter ist, bleibt zunächst offen. Im abschließenden Teil folgt die Rückkehr in die Zivilisation. Ohne zu viel vorwegzunehmen, lässt sich dies jedoch kaum beschreiben, bietet jedoch einen nochmals gänzlich anderen Aspekt dieser Geschichte, der ebenfalls seinen Reiz hat und alles andere als unkritisch ist.

Zugegebenermaßen klang der Klappentext für mich nur wenig interessant, eine Reise auf eine einsame Insel und die Herausforderung dort zu überleben, konnte mich zunächst nicht locken. Viele begeisterte Leser jedoch, haben meine Neugier geweckt. In der Tat haben mich Isabelle Autissiers Beschreibungen der Einsamkeit und der Not überzeugen können, man findet die Jagd auf Pinguine interessant und leidet mit den Figuren, wenn sie einmal mehr eine gute Idee hatten und es das Schicksal wieder einmal nicht gut mit ihnen meint. Auch der Kleinkrieg zwischen den beiden Partnern, die sich gegenseitig beschuldigen und zwischen der Erfordernis, gemeinsam ums Überleben zu kämpfen, und den Schulzuschreibungen gefangen sind, gelingt der Autorin glaubwürdig darzustellen. Der für mich stärkste Teil jedoch ist die Rückkehr und die damit verbundenen psychologischen Prozesse. Hier entwickelt der Roman sein stärkstes Potenzial.

Alles in allem ein Roman mit einem durchaus bekannten Setting, dies aber gelungen mit authentischen Figuren unserer Zeit umgesetzt.