Saphia Azzeddine – Bilqiss

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Saphia Azzeddine – Bilqiss

Ein Land, in dem die Männer herrschen, das Frauen unter Burkas versteckt und den Koran auf teilweise absurde Weise interpretiert. Bilqiss ist angeklagt, das Urteil – öffentliche Steinigung auf dem Dorfplatz – steht schon fest, nur der Richter lässt sich ungewöhnlich viel Zeit. Ihr Vergehen: sie hat den Platz des unpässlichen Muezzins übernommen und den Adhan deklamiert. Eine Frau, den geheiligten Ruf. Der Richter erkennt in ihr seine erste Ehefrau wieder, ebenso wie Bilqiss widerspenstig, eigensinnig und die Gesetze des misogynen Staates nicht einfach hinnehmend. Er verliebt sich und weiß doch, dass er ihr Schicksal besiegeln muss. An diesem nimmt zwischenzeitlich die ganze Welt dank Videos des Prozesses Anteil und lockt sogar die amerikanische Reporterin Leandra in das ferne Land, das sonst nur amerikanische Soldaten betreten. Aber kann die junge, in Sicherheit und Wohlstand aufgewachsene Frau wirklich verstehen, wie sich die Situation für die Frauen vor Ort darstellt?

Einmal mehr zeigt Saphia Azzeddine ihr Talent für die Außenseiter, die Unterdrückten, die aber mit einer unglaublichen Stärke ausgestatte sind. Wie auch Polo in „Mein Vater ist Putzfrau“, der sich im Pariser Vorstadtdschungel durchschlagen muss, ist Bilqiss vom Leben nichts geschenkt worden. Als 13-Jähige mit einem 30 Jahre älteren Mann verheiratet und in der Ehe die Hölle auf Erde erlebend, weiß sie sich zu befreien. Von ihrer Lehrerin lernt sie zu fragen, zu hinterfragen und sich ihres Verstandes zu bedienen und so dem Richter ebenbürtig zu werden in der Auslegung der Geschehnisse. Clever kontert sie, stellt in Frage, was dieser im Land der extrem Gläubigen nur nachbetet, aber nicht hinterfragt. Unterstützer hat sie keine, dafür ist ihr Verhalten zu renitent und noch dazu lockt das Spektakel einer Steinigung. Der Richter erkennt die Intelligenz dieser Frau, im harten Kontrast zu seiner zweiten Gattin, die nicht einmal lesen und schreiben gelernt hat und lediglich für das leibliche, nicht aber für das intellektuelle Wohl sorgen kann.

Bilqiss‘ Rolle in der afghanischen Gesellschaft – auch wenn das Land nie konkret genannt wird, liegt der Handlungsort aufgrund der Burka und der amerikanischen Soldaten doch nah – und ihr ganz eigener Widerstand ist ein interessanter Aspekt des Romans. Eine zweite Dimension erhält er jedoch in der Spiegelung mit der idealistischen Journalistin. Dass diese Jüdin ist, mag nur ein kleiner Faktor am Rande sein, viel spannender ist der Versuch zu verstehen und der unbändige Glaube, etwas bewirken zu können. Bilqiss beschreibt sie schon recht spät im Roman mit folgenden Worten:

„Ich argwöhnte, dass sie einen Hang zum Exotismus hatte, irrtümlicherweise dachte sie wohl, dass das Tragen einer Burka dem Eintauchen ins Land förderlich wäre. Da diesem nichts Endgültiges anhing, trug Leandra sie wie eine Verkleidung, wohingegen sie für uns eine zweite Haut darstellte.”

Sie versucht, das Leben der afghanischen Frauen nachzuempfinden, es gelingt ihr aber nicht, dies wirklich zu erfassen. Die Bedeutung der Burka, Bilqiss Kampf gegen die aufgezwungenen Farben selbiger als Symptom des Widerstands gegen diesen Staat, gegen die Dominanz der Männer und die Absurdität des Daseins – diese Dimensionen bleiben der Amerikanerin verborgen. Nicht das einzelne Schicksal zählt; einzelne Episoden ergeben noch kein vollständiges Bild und ein kurzer Abstecher in die Ferne helfen noch lange nicht, zu verstehen.

Der Roman besticht vor allem durch die Dialoge, das Ausfechten der Deutungshoheit zwischen Bilqiss und ihrem Richter. Darunter verborgen offenbart sich jedoch noch weitaus mehr, das derzeit einen dunklen Schatten über weite Teile dieser Welt legt.

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