Philippe Dijan – Oh…

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Philippe Dijan – Oh…

Dezember ist der Monat, in dem die Menschen sich betrinken, verletzten, zusammenkommen, Kinder anerkennen, die nicht die ihren sind, flüchten, vor Schmerz wimmern, Sterben. – Michèles Feststellung gegen Ende des Buchs umschreibt so ziemlich die komplette Handlung des Romans. Einen Monat begleitet man als Leser die Ich-Erzählerin, die ihren Sohn ins Unglück stürzen sieht, lernen muss, ihren Exmann mit einer neuen Frau zu sehen, eine alte Affäre beendet und eine rein sexuelle Beziehung zu ihrem Nachbarn beginnt. Währenddessen sterben ihre Eltern, doch der Verlust wird ihr nicht gleich klar. Nach 30 langen Tagen ist in ihrem Leben nichts mehr so, wie es zuvor war.

Philippe Dijans Roman wurde 2012 mit dem renommierten Prix interallié ausgezeichnet. Warum ist leicht nachzuvollziehen: erzählerisch fordert der Roman den Leser heraus, die Szenen fließen ineinander über, man springt von einer Episode direkt in die nächste. Durch die Erzählperspektive dauert es einige Zeit, bis man sich zurechtfindet, die Figuren einordnen und mit einander in Verbindung bringen kann. Daneben gibt es ungeschönte, verstörende Szenen – Michèles Vergewaltigung oder ein Überfall, man weiß nicht genau, was eigentlich passiert ist, denn die Perspektive verhindert eine Beschreibung von außen, so muss man sich mit der diffusen gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin genügen und abwarten.

Keine einfache Protagonistin, kein einfacher Roman, den Dijan uns hier vorlegt. Mir fiel die Gedankenwelt Michèles oft schwer, sie hat einen Hang zu depressiven Stimmungen, immerzu misstrauisch, selten das Positive erkennend und mit wenig Vertrauen zu ihren Mitmenschen. Sie kann nicht als Sympathieträger fungieren, aber ganz sicher ist ihre Sicht auf die Welt nicht so singulär, dass es nicht in der Realität unzählige Menschen gäbe, denen es ebenso geht wie ihr und denen ein wenig mehr Zuneigung guttun würde.

Martin Cruz Smith – Gorki Park

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Martin Cruz Smith – Gorki Park

Im Moskauer Gorki Park werden 1980 drei Leichen gefunden. Zwei Männer und eine Frau wurden erschossen, aber niemand hatte etwas gehört und vermisst wurden sie ebenfalls nicht. Arkadi Renko muss den Fall übernehmen, da sie schnell herausstellt, dass auch ein Ausländer unter den Opfern ist, erwartete er, dass der KGB recht schnell übernimmt. Dieser mischt sich zwar immer wieder in die Ermittlungen ein, zieht sie aber nicht an sich. Je mehr Renko herausfindet, desto mehr gerät auch er in Gefahr. Offenbar spielen zwei in der Sowjetunion bekannte Amerikaner eine nicht unwesentliche Rolle, aber auch der russische Polizeiapparat scheint nicht wirklich an einer restlosen Aufklärung interessiert zu sein.

Man fühlt sich inzwischen weit in die Vergangenheit versetzt, wenn man Martin Cruz Smith Roman liest. Die Ermittlungen werden weitgehen ohne technische Unterstützung geführt, lediglich Fingerabdrücke und Haaranalysen werden vorgenommen und die Rekonstruktion eines Gesichts wird schon zur höchsten Kunst erkoren. Schmunzeln musste ich auch, als der Protagonist zum Telegrafenamt fährt, um die Telefonzellen rund um die Wohnung einer Verdächtigen abhören zu lassen, denn über einen eigenen Telefonapparat verfügte sie noch nicht. In vielerlei Hinsicht ist der Roman ein Zeichen seiner Zeit, vor allem natürlich des Kalten Krieges und der Geheimdienste der beiden Großmächte.

Die Handlung selbst verstrickt typische Elemente der Sowjetzeit, insbesondere die Not der Menschen und ihr kreativer Umgang mit dieser mit wirtschaftlichen und politischen Interessen einzelner. So entwickelt sich der Fall von einem durchaus schon spektakulären Dreifachmord in eine internationale Verschwörung. Der Protagonist wird nicht nur durch seine Ermittlungstätigkeit charakterisiert, sondern auch durch sein Privatleben, das zwar nur eine untergeordnete Rolle spielt, aber durchaus zeigt, wie fragil Partnerschaften sein konnten, wenn sich Chancen zum Aufstieg boten.

Interessant in diesem Fall auch das Nachwort. Bekannter als das Buch dürfte die Verfilmung sein, die ich zwar nicht gelesen habe, aber nachdem ich neulich die Drehorte in Finnland besuchte, Anlass zum Lesen des Buchs waren. Offenbar hat man das letzte Drittel modifiziert, um das Ansehen und die Verstrickung der amerikanischen Geheimdienste in einem anderen Licht erscheinen zu lassen als dies im Buch der Fall ist. Offenbar war dies 1983 etwas zu heikel, was das Buch aber umso interessanter macht.