Martin Mosebach – Mogador

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Martin Mosebach – Mogador

Patrick Elff hat sich hochgearbeitet. Von unbedeutendem familiären Hintergrund schafft er es in einer Bank Karriere zu machen und das entsprechende Einkommen zu erzielen. Dazu seine Frau, selbst aus wohlhabenden Verhältnisse – wie könnte es besser kommen? Doch Unregelmäßigkeiten in der Bank und ein zweifelhaftes Geschäft mit einem marokkanischen Investor rufen die Behörden auf den Plan und so flieht Elff nach Nordafrika, zunächst auf der Suche nach dem Marokkaner, der ihm aus der misslichen Lage helfen soll. Um möglichst unbehelligt seine Recherche fortzusetzen, steigt er in einem Privathaus ab. Die Patronin Khadija führt dort ihr eigenes kleines Unternehmen: auch sie kommt auch ärmlichen Verhältnissen, dank ihrer Cleverness ist sie aber nun als Bordellbetreiberin, Geldleiherin und gar Prophetin am lokalen Leben beteiligt. Patrick ahnt nicht, woraus er sich in diesem Hause eingelassen hat.

Nur kurz verweilt der Autor im kapitalismusgeprägten Europa mit korrupten Bankern und dem unbedingten Willen nach Ruhm und Geld. Der wesentliche Teil der Handlung spielt im heutigen Essaouira, wo der vordergründige Protagonist Patrick Elff hinter der schillernden Figur der Khadija zurücktreten muss. Als Leser taucht man ab in diese fremde Welt der Märkte, des Lebens auf der Straße und wo Tauschhandel und Mundpropaganda den Takt bestimmen. Geradezu märchenhaft erleben wir das Mädchen Khadija, das sich geschickt zu verstellen weiß, um seinen Aufstieg langsam aber stetig zu verfolgen. Als geschickte Geschäftsfrau stellt sie sich heraus, die das richtige Händchen hat, um lukrative Situationen zu erkennen und ihre eigene Rolle geschickt im Hintergrund zu halten.

Martin Mosebachs hat mich durch zweierlei Dinge beeindruckt: zum einen seine Darstellung des Lebens in Marokko, das durch unterschiedlichste kleine Details Einblicke erlaubt; nicht das große Ganze steht im Vordergrund, sondern der Alltag, das Zurechtkommen mit den Gegebenheiten, insbesondere als Frau sich in der Männer-dominierten Gesellschaft einen Weg zu bahnen. Die Feste sind bunt und schillernd, das Leben oft hart und fernab der Farbenfrohe. Daneben ist natürlich die Kontrastierung der beiden Aufsteiger Khadija und Patrick das bestimmende Element. Er klassisch universitär gebildet, sie Analphabetin. Er im modernen Europa, sie im etwas rückständigen Marokko. Er als Mann mit einer dominanten Frau aus einer höheren Schicht an seiner Seite, sie mit dominanten Ehemännern, die sie jedoch überlebt und letztlich ohne Partner erst erfolgreich wird. Der Aufstieg in den beiden Systemen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, beide im Wissen um ihr nicht ganz legales Handeln. Sind am Ende all die Unterschiede doch nicht so groß, wie man zunächst vermuten mag?

 

Oliver Hilmes – Berlin 1936

Berlin 1936 von Oliver Hilmes
Oliver Hilmes – Berlin 1936

Es sollte ein großes Spektakel werden, um der Welt zu zeigen, wie sich Deutschland nach dem ersten Weltkrieg erholt hat und nun zu einer nie gesehenen Stärke gekommen ist. Im Sommer 1936 trägt das NS Regime die Olympischen Spiele in Berlin aus. Tausende Sportler und Journalisten aus aller Welt kommen in die Hauptstadt, um sich zu messen. Das Bild, das die Nationalsozialisten von sich zeichnen wollen, ist klar: weltoffen, technisch unerreicht und organisiert wie niemand zuvor. Offener Rassismus soll nicht zur Schau getragen werden, aber hinter den Kulissen wird natürlich daran gearbeitet, dass diejenigen Sportler, die in die Ideologie passen, besonders hervorgehoben werden. Eine Triumphdemonstration sollen die Spiele werden: niemand kann sich mit Deutschland 1936 messen.

Der Historiker Oliver Hilmes zeichnet die sechzehn Tage im August 1936 detailliert und doch erzählerisch ansprechend nach. Er mischt Tatsachenmeldungen – Wetterlage, Berichte aus dem Polizeipräsidium etc. – mit Einzelschicksalen etwa jüdischer Bewohner, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und mit Sorge das Treiben beobachten. Daneben die Reportagen über die Wettkämpfe, die Sieger und das Publikum. Insbesondere der überragende Jesse Owens, der so gar nicht in das Weltbild der NSDAP passen will und doch vom Publikum frenetisch bejubelt wird. Im Olympiastadion wie auch abseits kann man sich kaum entziehen, dies merkt auch Tom Wolfe, amerikanischer Autor und als Reporter entsandt.

Hilmes verzichtet auf Kommentare, weder ordnet er Geschehnisse ein noch stellt er einen größeren Zusammenhang her. Er lässt die Episoden für sich stehen und wirken und schafft so ein Kaleidoskop unterschiedlicher Perspektiven auf die Spiele, die sich problemlos zu einem Gesamtbild fügen, das keiner weiteren Erläuterungen mehr bedarf. Auch wenn man historisch interessiert und durchaus auch im Detail mit den Geschehnissen vertraut ist, kann der Autor doch durch den Aspekt der Spiele nochmals ein weiteres Mosaiksteinchen der NS Machtdemonstration hinzufügen, der verdeutlicht, wie weit doch die Reichweite und auch die Planungen dieser Ideologie gingen und wie präzise das Land schon 1936 auf die kommenden Ereignisse vorbereitet war.