Deborah Feldman – Unorthodox

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Debora Feldman – Unorthodox

Die Welt von Deborah ist klar geordnet in Williamsburg vor den Toren von New York: als chassidische Jüdin wird der Rhythmus des Tages und des Lebens durch die Religion bestimmt. Sie geht wie alle Mädchen auf eine religiöse Schule, wo weltliche Fächer verpönt sind. Ebenso sind Bücher für sie Tabu. Ihre Großeltern und ihre strenge Tante achten auf die häusliche Erziehung nachdem die Mutter der Gemeinde den Rücken gekehrt hat und der Vater wegen psychischer Probleme nicht in der Lage dazu ist. Ihr Leben ist darauf ausgerichtet mit spätestens 17 verheiratete zu werden, mit einem jungen Mann der Gemeinde, der nach alter Tradition für sie ausgesucht wird. Auch das Leben als Ehefrau – durch entsprechenden Unterricht vorbereitet – hat keine Überraschungen für sie, denn ihre Aufgaben sind klar bestimmt. Doch nicht alles läuft nach Plan und mehr und mehr fragt sich die junge Frau, ob die Regeln, die ihr durch die strenge Religionsbeachtung auferlegt werden, wirklich richtig sind und ob es nicht auch ein Leben außerhalb dieser Gemeinde gibt, dass lebenswert ist.

Deborah Feldman schildert ihre eigenen Erfahrungen in der Satmar Gemeinschaft, die nach der Gründung in Südosteuropa in den USA erst richtig auflebte. Die Zahlen dieser Ultraorthodoxen schwanken stark zwischen 50.000 und 120.000 Anhängern, die größte Gemeinde jedoch lebt relativ abgeschottet von der Außenwelt in Williamsburg. Bei den Kindheitserinnerungen der Autorin dachte ich zunächst, dass sie in den 1930er Jahren aufgewachsen sein muss, bei der Beschreibung des Haushalts ohne Radio oder gar Fernsehen, bei den bescheidenen Wohnverhältnissen und der Kleidung. Als sie die Ereignisse des 11. September 2001 erwähnt, die kaum wahrgenommen und erst spät überhaupt dort bekannt werden, da man den Kontakt zur Welt der Ungläubigen vermeidet, war ich doch etwas erstaunt, wie sich diese Gruppe inmitten der westlichen, konsumorientierten Gesellschaft derart abschotten kann und sich ihre ganz eigene Welt schafft.

Als Aussteigerin ist sie kritisch, aber nicht alles, was ihre Kindheit und Jugend betrifft, wird negativ oder wertend geschildert. Sie träumt durchaus davon, dieses Leben zu führen und freut sich auf das Erwachsensein – wenn auch mit falschen Vorstellungen. Besonders interessant fand ich die Erzählungen zum Ehe-Vorbereitungskurs und auch erschreckend, wie wenig aufgeklärt die junge Frau über ihren eigenen Körper ist. Viele Regeln des ultraorthodoxen Lebens waren mir bekannt, da dies ja auch in Jerusalem noch gelebt wird: das Rasieren der Haare und Tragen einer Perücke, die Verpflichtung zahlreiche Kinder zu gebären, die Unterordnung der Frau unter dem Mann, die wenigen Bildungsmöglichkeiten, die Mädchen offenstehen und die Ablehnung von weltlichen Gütern wie beispielsweise der Literatur. Daher fand ich auch das Hochzeitsprozedere – Vermittlung durch Kupplerin und klare Regeln bei der Brautwerbung – nicht so befremdlich. Auch die Autorin steht den Traditionen und Gewohnheiten keineswegs ablehnend gegenüber, schließlich schließen diese eine Persönlichkeitsentwicklung nicht gänzlich aus. Ihre ersten Schritte in der westlichen Welt – interessant hierbei, wie wenig das Erlernen der englischen Sprache zählt, gemessen daran, dass die Gruppierung in den USA lebt – sind insbesondere erhellend, denn das, was für uns völlige Normalität und Alltagswissen ist, ist ihr völlig fremd. Angefangen bei Jeans, über nicht-koscheres Essen bis hin zu Fernsehsendungen.

Nach Erscheinen hat das Buch verständlicherweise große Wellen geschlagen. Die Einblicke in diese weitgehend abgeschottete Welt sind interessant bis erschreckend und lesen sich durch Feldmans angenehmen Erzählton, der sich passend zum Alter der Protagonistin von kindlich-naiv hin zu kritisch-hinterfragend entwickelt, wie der plaudernde Bericht einer Freundin. Für mich sowohl erzählerisch wie auch inhaltlich eines der Highlights des Jahres.

 

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