Mathias Énard – Kompass

mathias-enard-kompass.jpg
Mathias Énard – Kompass

Franz Ritter, Musikwissenschaftler aus Wien und schwerkrank, kann nicht einschlafen. Die Nachrichten im Radio berichten über den Krieg in Syrien und er erinnert sich an seine Reisen in den Mittleren Osten, die Erlebnisse in Istanbul, Aleppo, Damaskus. Der Genuss von Opium und das herumirren in der Wüste, die Sitar Musik und vor allem Sarah. Die Orientalistin aus Paris, die er von der ersten Begegnung an faszinierend fand und liebte. Mit der er auf Reisen war und Briefwechsel unterhielt. Die mit ihm die großen Parallelen zwischen der Musik, Kunst und Literatur des Westens und jener der arabischen Welt suchte und fand. Sarah, die einen anderen heiratete und doch nur ihre orientalische Kultur und Literatur liebte. Der Morgen graut langsam. Die Geschichte muss ein Ende finden.

2015 war Mathias Énards Geschichte, im Original „Boussole“, monatelang der Roman der Stunde. Aufmerksamkeit erhielt er nicht nur durch den angesehenen Prix Goncourt für das beste erzählerische Werk der französischen Sprache, sondern auch, weil die Themenwahl den Nerv der Zeit trifft. Ein Kompass weißt die Himmelsrichtungen und bleibt dabei relativ grob: Norden, Süden, Westen, Osten. So undifferenziert blicken wir oft auf den Unterschied zwischen West und Ost, Okzident und Orient. Mit dieser Dichotomie scheint im westlichen Europa Ende des Jahres 2016 alles ausgedrückt, was es zu sagen gibt. Wir und sie – wir, die einen; sie, die anderen. Verbindendes findet sich hier kaum mehr. Der Fokus liegt auf der Differenz der Kulturen, vor allem der Differenz der Religionen, die den Diskus derzeit bestimmen und versöhnliche Worte missen lassen.

In diese Gemengelage trifft Énard mit einem gänzlich anderen Ansatz. Er sucht das Gemeinsame und findet den Einfluss des Orients auf unsere so geschätzte Kultur. Musiker wie Dichter, Forscher und Naturwissenschaftler, Historiker und Philosophen – you name it. Die großen der letzten drei Jahrhunderte, die im Westen Verehrten, von Mozart und Beethoven über Goethe und Proust, sie alle sind undenkbar ohne die Einflüsse des Mittleren Osten auf ihr Werk. Geschickt rollt Énard das Feld auf, springt zwischen allen Bereichen der Kunst und Kultur und legt in enzyklopädischer Kleinstarbeit dar, was wir oft verkennen. Was wir heute nur noch als Kriegsschauplätze wahrnehmen, war bis vor nicht allzu langer Zeit die Heimat eines reichen Kulturschatzes, der als solches angesehen und bewundert wurde. Was ist davon geblieben? Hören wir heute Aleppo, denken wir nicht mehr an den Souk, sondern nehmen die Anzahl der aktuell Getöteten wahr. Énard blendet dies aus, politische Fragen kommen nur ganz am Rande, bspw. Bei der Erwähnung der iranischen Revolution, zu tragen. Er bewegt sich auf einem anderen Feld, das er auf beeindruckende Weise zu eröffnen vermag.

Detailreich bisweilen fast dozierend und dann wieder in leichtem Ton erzählen – die Faszination des Erzählers kann auch den Leser immer wieder bezaubern – ein durch und durch bemerkenswertes Buch. Nicht immer war ich mir sicher, ob ich alle Namen und Zusammenhänge in der Schnelle erfassen und verarbeiten konnte. Doch dann kam auch wieder die andere Seite des Romans, die Geschichte von Franz und Sarah, die sich zwischen all den Größen abspielt und ihre eigene Spur hinterlässt. Nicht die allumfassende, einzigartige Liebe, sondern eher eine Leidenschaft, die sich durch gemeinsame Faszination und Herkunft speist und damit den Brückenschlag wieder in den Westen schafft.

Advertisements