Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

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Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

Die Kindheit und Jugend in der sowjetischen Provinz. Nastja hat es nicht leicht, mit Mutter und Großmutter wohnt sie in einer Holzhütte ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo im Garten. Die Zeit im Kindergarten dient der Abhärtung gegenüber den anderen Kindern, die hemmungslos mobben und prügeln und gegenüber den Erwachsenen, die ebenfalls nicht Halt machen vor dem, was man heute Misshandlung, Missbrauch und Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen nennen würde. Viel zu schnell werden die Kinder zu Jugendlichen und dort setzt sich der Prozess fort: der Kontakt zum anderen Geschlecht beginnt nicht mit der ersten zarten Liebe, sondern mit Exhibitionisten, Vergewaltigungen und Prostitution. Aber warum aufregen, so ist das Leben nun einmal. Schwangerschaftsabbrüche im Teenageralter sind ebenso normal wie zu viel Alkohol und das geschickte Ausnutzen der Schlupflöcher der Sowjetunion.

Anna Galkina hat einen bisweilen was poetischen, immer aber eingängigen, zwischen Ironie und Humor changierenden Erzählton, der sehr oft zu verniedlichen droht, was unter Betrachtung bei Tageslicht eine furchtbar brutale Realität ist. Ihre Schilderungen der Kindheits- und Jugenderfahrungen der jungen Protagonistin sind durchaus amüsant, doch immer wieder bleibt einem das Schmunzeln im Hals stecken, wenn einem bewusst wird, dass niemand solche Erfahrungen machen sollte. Es wird nicht analysiert, nicht kommentiert, lediglich berichtet mit einem eher naiv beobachtenden Ton, der es dem Leser überlässt, die Situation einzuordnen. Man mag es sich kaum vorstellen, sicherlich sind die einzelnen Episoden alle glaubwürdig und möglich, ob sie einer einzelnen Person in dieser Häufung widerfahren, ist eine andere Frage.

Ein Blick in das Russland der 80er Jahre, eine Welt, die es so nicht mehr gibt, die aber mindestens eine Generation von heute Erwachsenen geprägt und gezeichnet hat. Man erwartete offenbar nicht viel vom Leben, das folgende Jahrzehnt war weitaus hoffnungsvoller. Doch wo steht das Land heute? Die Autorin hat ihre Heimat verlassen, wie viele andere mit ihr. Doch kann man solche Geschichten wirklich hinter sich lassen? Und wie geht man mit dieser Vergangenheit bei einer aussichtslosen Zukunft um?

Sacha Batthyany – Und was hat das mit mir zu tun?

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Sacha Batthyany – Und was hat das mit mir zu tun?

Sacha Batthyany stößt bei Recherchen auf eine ungewöhnliche Geschichte in der Vergangenheit seiner Familie: wenige Wochen vor Kriegsende fand auf dem Anwesen der Gräfin Margit Thyssen-Batthyany im heutigen Ungarn eine rauschende Soiree statt. Einige der geladenen Gäste verschwinden im Laufe des Abends für einige Zeit. Am nächsten Tag sind 180 Juden tot. Welche Schuld tragen die Großeltern? Und was hat das heute noch mit ihm zu tun? Sacha Batthyany geht auf Reisen, in die Länder seiner Vorfahren und in die Geschichte, um zu erfahren, was damals wirklich passiert ist und ob seine Familie und damit auch er frei von Schuld ist – oder nicht.

Der Journalist stellt in seinem Buch, eigentlich ist es mehr ein Bericht über seine Recherche und die Gedanken, die ihn dabei bewegten, die wesentliche Fragen, die sich inzwischen fast drei Generationen in Deutschland stellen: was haben die eigenen Vorfahren in der Nazi-Zeit getan und inwieweit ist das für die nachfolgenden Generationen wichtig? Das ungute Gefühl, dass sie einer der Menschen, die man kennt und liebt möglicherweise schuldig an einem grausamen Verbrechen gemacht hat, ist schier unerträglich und treibt die Suche nach Antworten voran. Man kann Batthyanys Motivation leicht nachvollziehen, auch die zwiespältigen Gefühle, wenn man unangenehme Antworten vielleicht doch lieber nicht haben möchte.

Dem Autor gelingt es bemerkenswert, ein sehr persönliches Buch sachlich und journalistisch sauber zu schreiben. Er lässt uns an seinem Innenleben teilhaben, weder beschönigt noch dramatisiert er, und ist zeitgleich bemüht, neutral nachzuerzählen, wie ihn seine Nachforschungen geleitet haben und welche Wege er auf dem Weg der Wahrheitsfindung einschlagen musste. So erlebt man mit ihm einen Ausschnitt der Geschichte, der zugleich bewegt und sicherlich exemplarisch für viele Familie stehen kann. Bleibt die abschließende Frage, was die Ereignisse aus dem Jahr 1945 mit ihm zu tun haben. Sie haben ihn viele Jahre beschäftigt, auf Reisen geschickt und zahlreiche unerwartete Begegnungen haben lassen – all das hat seine Spuren hinterlassen und ist offenbar nicht einfach an ihm vorbeigegangen. Somit hat es ganz sicher etwas mit ihm zu tun.