Nils Honne – Corporate Anarchy

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Nils Honne – Corporate Anarchy

Marvin hat einen durchschnittlichen Job bei einer Werbeagentur, führt ein durchschnittliches Leben und fällt auch sonst nicht weiter in der Masse auf. Mehr und mehr beschleicht ihn jedoch der Eindruck, dass die da oben alles bestimmen und Leute wie er, am unteren Ende, nur da sind, um deren Reichtum und Macht zu erhalten. Er widersetzt sich im Kleinen, geht auf Demos, schreibt Beschwerdemails, startet Internetkampagnen – ohne Erfolg. Dann gerät sein Leben plötzlich durcheinander, er schmeißt seinen Job hin und schließt sich einer autonomen Gruppe an, die nicht nur reden will, sondern etwas tut, um diese Gesellschaft zu retten. Lennard, der Anführer führt ihn ein in die Arbeitsweisen, er zeigt ihm, wie man Molotow-Cocktails baut und erfolgreich einsetzt. Mit ihm und den anderen kämpft Marvin fortan für eine bessere Welt – koste es, was es wolle.

Das Thema finde ich ungemein spannend: wie ticken Menschen, die sich in der Gesellschaft machtlos fühlen und daher beschließen, sich außerhalb der Normen und des Rechts zu bewegen, um ihre Interessen sichtbar zu machen und ihren Willen durchzusetzen. Man kennt diese Gruppierungen nur aus den Schlagzeilen, mal sind es vermummte Steinewerfer auf Demonstrationen, mal gelingt es Splittergruppen eine aufmerksamkeitserregende Aktion zu Ende zu führen. Aber Einblick erhält man selten.

Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Marvin bleibt als Figur zu blass. Zu Beginn kommen seine Motive und das Gefühl der Machtlosigkeit noch ganz gut zum Tragen und motivieren glaubhaft seine Aktionen. Doch dann wird er zum Mitläufer, der nichts hinterfragt, zum Teil liebestoll hinterherläuft und nur noch Befehle ausführt, ohne von seinem Verstand Gebrauch zu machen. Zum einen finde ich solche Figuren langweilig, zum anderen erscheint es mir nicht stimmig, dass jemand, der zuvor ohne fremde Hilfe Strukturen und Missstände erkennen konnte, nun zum kopflosen Mitmacher avanciert. Auch die Motive der anderen Figuren der Gruppierung stellen sich schon bald als weit weniger gesellschaftskritisch heraus als man vermuten könnte, im Gegenteil, ganz persönliche Beweggründe sowie eine offenkundige psychische Erkrankung des Anführers begründen ihr Handeln.  Das ist mir zu wenig für einen relevanten Roman.

Eine stimmige Sicht auf die Lage der Nation, fundierte Argumentationen hätten über die begrenzt glaubwürdigen Aktionen (problemlos können sie an höchste Wirtschaftsbosse herankommen etc.) hinwegtrösten können, aber gerade hier liegt die große Schwäche des Romans, weil sie sich einer wirklichen Aussage entzieht. Es sei denn, Ziel war es alle anders oder linksautonom denkenden sollten pauschal als Irre dargestellt werden, die eben nichts Relevantes zu sagen haben.

Hannu Raittila – Kontinentaldrift

Kontinentaldrift von Hannu Raittila
Hannu Raittila – Kontinentaldrift

Zufällig beobachtet Sara, wie am Flughafen Helsinki eine junge Frau von der Polizei aus einem Flugzeug geführt wird. Sie ist völlig unpassend gekleidet, schwanger und scheinbar verwirrt. Und Sara kennt sie. Es ist Paula, ihre ehemals beste Freundin. Sara erinnert sich an die Zeit als sie Kinder waren und Twin Peaks liebten, sich neue Namen gaben, Laura und Lara, und ihre Zeit am Flughafen verbrachten statt in die Schule zu gehen. Auch Paula/Lauras Eltern werden mit dem Leben der Tochter, von der sie seit Jahren nichts gehört haben, konfrontiert. Ihr Tagebuch wird ihnen zugespielt, das Einblick gibt in eine abenteuerliche Zeit und eine Reise, die mehr Flucht war, rund um den Planeten, mit verschiedenen Identitäten und ohne Ziel. Doch was hat letztlich zu diesem Ende geführt? Und: wird Paula/Laura überhaupt in Finnland bleiben? Die Chancen stehen eher schlecht.

Ein ungewöhnlicher Roman, der für mein Empfinden sehr viel finnische Seele hat. Im Zentrum steht das Mädchen Paula/Laura, die wir als Figur tatsächlich nie erleben. Lediglich in Erinnerung ihrer Mutter und Freundin sowie durch ihr Tagebuch erscheint sie. Ein außergewöhnlicher Mensch, immer getrieben und auf der Suche nach etwas. Sie liebt das Spiel mit Identitäten, gibt sich unterschiedliche Namen, um auszutesten, inwieweit sie inkognito die Welt bereisen kann. Eine hochintelligente Frau, die Situationen zu nutzen weiß und offenbar ein schon fast unheimliches Gespür für die Manipulierbarkeit von Menschen hat. Die anderen, präsenten, Figuren sind jedoch nicht weniger interessant. Allen voran der Vater, der sehr verschlossen und menschenscheu das genaue Gegenteil darstellt. Am liebsten im überschaubaren Raum der finnischen See lebt und nie Zugang zu sozialen Normen finden konnte. Beruhigend für ihn wirken klare, militärische Strukturen, die er nicht hinterfragt, sondern erleichtert annimmt. Auch Mutter und Freundin haben völlig verschiedene Lebensentwürfe, die in Frage gestellt in Laura/Paulas Werdegang gespiegelt werden.

Hannu Raittila erhielt 2014 den renommierten Runeberg-Preis, eine der höchsten Auszeichnungen Finnlands, für den Roman Kontinentaldrift (im Original Terminaali). Dies dürfte zwar auch der unkonventionellen Figuren geschuldet sein, vermutlich spielt aber die Konstruktion des Romans die größere Rolle bei der Auszeichnung. Verschiedene Stimmen erzählen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Das komplexe Familiengefüge – wobei man eigentlich kaum von einer Familie sprechen kann – wird durch die vor allem durch Individualismus und ein Stück weit Egoismus geprägten Menschen bestimmt. Man muss sich die Geschichte selbst zusammensetzen, um ein Gesamtbild zu erhalten, das dann doch fragmentarisch bleibt.