Allard Schröder – Der Hydrograf

Eine Reise auf einem Schiff, die jedoch nicht weg, sondern hin zu sich selbst führt.

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Allard Schröder – Der Hydrograf

Hamburg 1913. Graf Franz von Karsch begibt sich mit Ziel Valparaíso auf die „Posen“. Das Meer ist sein Leben, als Hydrograf studiert er seine Bewegungen und kennt jede Welle, die es produzieren kann. Schon früh hat ihm das Wasser sein Leben zurückgegeben und Trost gespendet. Nun ist er auf der Flucht vor dem bürgerlichen Leben und er nutzt seine Forschung geschickt als Ausrede. Er begibt sich an die Arbeit, denn auf dem Schiff ist auch nur wenig Abwechslung zu haben. Seine Mitreisenden, alles voran der besserwisserische Moser und der Lehrer Todtleben, gehen ihm auf die Nerven mit ihren Geschichten. Beim Zwischenstopp in Lissabon steigt ein weiterer Gast zu. Gerüchte rangen sich um die Person, von der man nur weiß, dass sie „M“ auf ihrem Koffer stehen hat. Als sich Asta Maris zum ersten Mal zeigt, ist ihr die Aufmerksamkeit der Männer sicher. Aber was hat es mit dieser ominösen Schönen auf sich? Und was haben die anderen Reisenden zu verbergen?

Gibt es etwas Schöneres als wenn einem ein Buch völlig überraschen kann? Vorm Zug dachte ich, dass mich weder das Studium der Meere noch der Zeitpunkt der Handlung besonders ansprechend würde. Eher gelangweilt habe ich dann doch das Buch aufgeschlagen und mit Erstaunen festgestellt, was der Roman zu bieten hat. Die Entwicklung des Grafen, der mehr und mehr sein Dasein und seine Werte in Frage stellen muss, der konfrontiert wird mit seiner doch eher wenig inspirierenden Existenz und seiner Lebensleistung – eine spannende Angelegenheit. Insbesondere gegen Ende, wenn er Entscheidungen über seine Zukunft treffen muss. Der Protagonist trägt leichtfüßig durch den Roman, weder ermüdet er den Leser mit seinen wissenschaftlichen Untersuchungen, noch verrennen sich seine Gedanken in sich selbst. Er wird beschrieben mit folgenden Worten, die die Dramatik seines Daseins an diesem Punkt seines Lebens prägnant zusammenfassen:

»Ich bin nichts … aber davon abgesehen trage ich alle Träume der Welt in mir.« Der erste Teil traf vielleicht auf ihn selbst zu, der zweite nicht, und das machte ihm zu schaffen.

Die anderen Passagiere haben auch ihre Geschichten, die sich – ganz klassisch dem Genre angemessen – erst nach und nach enthüllen und völlig verschieden gelagert sind. Das Schiff als Mikrokosmos der Gesellschaft ist ein alter Topos, der hier neu und überzeugend erweckt wird. Man nimmt Allard Schröder das Jahr 1913 ab, auch wenn ich mit mehr politischer Sicht auf die Welt kurz vor dem ersten Weltkrieg gerechnet hatte.

Ein in sich runder Roman, der glaubwürdig eine längst vergangene Welt schildert, deren Regeln heute glücklicherweise nicht mehr gelten – die Sorgend er Menschen jedoch haben sich auch hundert Jahre später nicht wesentlich verändert.