Lucy Foley – The Invitation

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Lucy Foley – The Invitation

 

Early 1950s, Hal Jacobs has fled England to find his future as a writer in Rome. When a friend cannot make it to a party of a highly-regarded Contessa, Hal takes the invitation and goes there instead. At the door, he is rejected, but the host finds him interesting and ask him to enter. The same evening, he meets a woman whom he will never forget, but she is gone as suddenly as she appeared. Only two years later, when Hal has accepted a job with the Contessa, he will meet her again. To promote a film project, the actors as well as other staff will sail the French-Italian coast and stop over from time to time. Hal is asked to accompany them and to write about the trip. When he meets Stella, he is struck, but the presence of her husband makes it difficult for him to approach her. Yet, their former meeting is not the only secret on board.

Lucy Foley sends us back into the post-war era of Italy. The gap between the rich and the poor is visible everywhere, as are the scars from the war-time. Everybody has made their traumatising experiences and wants to bury them. However, some things are not as easy to forget as others. It is this specific ghost that the author awakes in the characters and manages to portray in a convincing way. The atmosphere of this time and place can well be felt throughout the novel. The setting is one of the strongest points for me. The characters are also interestingly drawn, especially Stella with her slowly unfolding past can lead through the novel. But also the male characters, especially when Stella’s husband realises Hal’s interest in his wife become more and more interesting.

All in all, a journey back into the past which profits from the author’s capacity of creating a stunning setting for an unusual love story.

Wystke Versteeg – Boy

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Wytske Versteeg – Boy

Boy ist tot, ihr Sohn, für den sie so lange gekämpft haben. Nachdem es mit der Schwangerschaft nicht geklappt hat, haben sie eine Adoption gewagt. In einer Villa wird er groß, bekommt alles, was er sich wünscht, aber er kommt nie wirklich in Deutschland an. Und dann ist er verschwunden – tot. Für die Eltern bricht eine Welt zusammen, doch die Mutter kann die einfache Erklärung Suizid nicht glauben. Sie begibt sich auf Spurensuche und lernt einen ganz anderen Jungen kennen als den, den sie für ihren Sohn hielt.

Das Buch ist kein Krimi, auch wenn sie spannende Frage im Raum steht, was vor dem Unglückstag passiert ist, wenn erst nach und nach das andere Leben Boys offenbart wird. Es ist vor allen Dingen das Dokument einer Frau, die große Schwierigkeiten hat, mit Gefühlen umzugehen, diese erst einmal zuzulassen, Nähe zu leben und Vertrauen zu anderen Menschen zu haben – und das, wo sie als Psychiaterin arbeitet. Interessant fand ich insbesondere die Diskrepanz zwischen den geschilderten fehlenden Emotionen, sowohl gegenüber dem Ehemann wie auch dem Kind, die Schwierigkeit eine klassisch-liebende Mutter zu sein, die sich für alles interessiert, was im Leben des Kindes passiert, und dann dem Schmerz, den sie empfindet, als Boy nicht mehr da ist. Auch die zweite Frau, vermeintlich verantwortlich für den Tod, wird mit vielen schwierigen Emotionslagen präsentiert, die ihr das Leben in Gemeinschaft und den Umgang mit anderen Menschen schwermachen. Erst in der Ferne und Einsamkeit können sie das zulassen, was sie in der Heimat nicht erleben konnten.

2013 wurde Wytske Versteeg in ihrer niederländischen Heimat mit dem BNG Nieuwe Literatuurprijs für diesen Roman ausgezeichnet, eine Anerkennung vielversprechender Jungautoren. Im Zuge der Frankfurter Buchmesse 2016, bei der die Niederlande und Flandern Ehrengast sind, wurde auch dieser Roman in Deutschland bekannt. Kein leichtes Werk, das einem bisweilen an die Substanz geht, aber dadurch enorm ausdrucksstark.

Anne Tyler – Die störrische Braut

Die stoerrische Braut von Anne Tyler
Anne Tyler – Die störrische Braut

 

Im Haushalt der Battistas läuft vieles anders als in anderen Häusern. Dr. Battista hat wenig Sinn für überflüssige Dinge wie Essen, die Spülmaschine wird aus und wieder eingeräumt, warum den Umweg über den Küchenschrank nehmen? Die Töchter muss er alleine erziehen, wobei das eher in der Hand der Natur liegt, lieber verkriecht er sich in sein Labor. Entsprechend fristet Kate mit 29 ein jungfernhaftes Leben mit einem Job im Kindergarten, den sie hasst, der aber nach Abbruch des Studiums die einzige Alternative war. Bunny ist mit ihren 15 Jahren das genaue Gegenteil. Das eingespielte Trio lebt nach festen Routinen bis diese einen herben Schlag erhalten: Dr. Battistas Assistent droht ausgewiesen und somit die letzten Jahre Forschung zunichte gemacht zu werden. Da wäre es dich passend, wenn Pjotr einfach Kate heiraten könnte. Völlig überraschend für den Vater ist die zukünftige Braut ist wenig angetan von der Idee, den schrägen Polen zu ehelichen.

Anne Tylers Roman ist eine Hommage an William Shakespeares “ Der Widerspenstigen Zähmung“ und im Ehrenjahr des großen Dichters erschienen. Der Autorin gelingt es den leichten Ton der Komödie auch in ihrem Buch aufzugreifen. Mit viel Situationskomik und schrulligen Charakteren ist das Lesen ein wahres Vergnügen. Der durchaus etwas stereotypisch geratene Forscher, dem der Alltag zuwider ist, die störrische junge Frau, die mit ihrer direkten Art aneckt, aber durch ihre intelligenten Anmerkungen viel Spaß macht, das etwas dumpfe junge Mädchen und zuletzt der sprachlich eingeschränkte Einwanderer – in der Tat ein Kuriosenkabinett. Das alles in einem Plot ohne große Schnörkel, aber mit kleinen Verwicklungen, die für reichlich Turbulenzen sorgen und so ein herrlich unterhaltsames Lustspiel ergeben.

Was ist von den Remakes von Shakespeares Stücken zu halten? Der große Dichter hat ja nun selbst seine Plots übernommen, Generationen und Jahrhunderte überdauernde Motive gewählt, die gerade deshalb auch heute noch populär sind. Ein bekanntes Sujet zu transformieren und zu adaptieren ist keine leichte Sache, wenn es originell und überzeugend werden soll. Anne Tyler ist das gelungen. Sie kann unterhalten, das Setting passt in die heutige Zeit, ist in sich stimmig und transportiert meines Erachtens den Geist Shakespeares auf wunderbare Weise: das Volk kam ins Theater, um unterhalten zu werden. Anne Tyler bietet ein Buch an und der Leser wird unterhalten.

Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seiteder Verlagsgruppe RandomHouse.

Rabih Alameddine – The Angel of History

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Rabih Alameddine – The Angel of History

 

Satan has to have a word with Death, somethings wrong with Jacob and for quite some time they got along quite well. But now, Jacob, a poet by devotion, is looking for help in a psychiatric clinic. It is not the first time Jacob is there, but this time, things seem to be serious. While waiting for the doctor, he thinks back to the time when he was a child, first fleeing Yemen with his mother, then finding shelter in a whorehouse in Egypt. Years later his father puts him into a church school in Lebanon. But also newer memories arise, his lovers whom died one after the other, his cat who picked Jacob and his roommate albeit they never wanted to care for a pet. Like this, the evening advances slowly.

Admittedly, I had serious problems finding into the novel. The most problematic was that I could not perceive the different parts as belonging to the same book. The discussion between Satan and Death is quite absurd and funny, here Alameddine can really entertain the reader. Much more interesting but also depressing are Jacob’s memories of his childhood, especially his time in Cairo which, due to the conditions, could have left deep scars and negative feelings but are remembered as a time of being loved and feeling secure. This all is at times interrupted by the poet’s work of art which somehow does not relate at all to the rest and then the actual situation in the waiting room with his roommate sending texts to find out what is wrong.

Rabih Alameddine has a poetic style of writing and to my perception, whenever we move with the plot to the Middle East, no matter which country, his is strongest in his expression and narration. Nevertheless, there was no real development in the character, action I did not expect from the description, but such as it is, I could not really make sense out of the story.

Robert Schneider – Premières Dames

 

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Robert Schneider – Premières Dames

 

Das wichtigste Amt im Staat: Monsieur le Président. Und an seiner Seite eine Frau ohne offizielle Funktion aber immer im Blick der Öffentlichkeit. Acht erste Damen gab es seit Gründung der V. Republik, die verschiedener kaum hätten sein können. Robert Schneider porträtiert sie und ihr schwieriges Verhältnis zum Amt des Mannes.

  • Yvonne de Gaulle – die nach den turbulenten Kriegsjahren gerne die ruhige und traute Zweisamkeit mit ihrem Mann gelebt hätte, der sich jedoch seiner Aufgabe für das Land stellen will. Bescheiden bleibt sie im Hintergrund und vermeidet überhaupt wahrgenommen zu werden.
  • Claude Pompidou – ein ganz anderes Kaliber, stellt sie die französische Version der Jacky Kennedy dar und zeigt, was die moderne Französin ausmacht. Unbeirrbar und durchsetzungsstark bleibt sie auch Jahrzehnte nach dem Tod des Mannes eine resolute Frau, die ihre Ziele beharrlich weiterverfolgt.
  • Anne-Aymone Giscard d’Estaing – geborene Prinzessin hat sie das Amt immer gehasst und die Medien dazu, die an ihr kaum ein gutes Haar ließen. Schon Jahre vor Ende der Amtszeit bekannte sie, auf keine Wiederwahl ihres Mannes zu hoffen.
  • Danielle Mitterrand – kann eine Frau mehr Stil beweisen als bei der Beerdigung des Gatten dessen Geliebte und uneheliche Tochter am Sarg dabei zu haben? Überzeugte Sozialistin muss sie schnell erkennen, dass sie machtlos ist und nur durch Provokation etwas erreichen kann.
  • Bernadette Chirac – lange Jahre im politischen Betreib haben sie auf ihre Aufgabe vorbereitet. Eine Ehe gegen den Wunsch der Familie, hat sie doch früh das Potenzial des Gatten erkannt.
  • Cécilia Sarkozy – unabhängig und eigenwillig wäre sie beinahe nie Première Dame geworden und ist es auch nur fünf Monate geblieben. Wer verlässt schon einen Präsidenten? Nur eine sehr eigene Frau.
  • Carla Bruni – Glamour zieht in den Elysée Palast ein. Einer der reichsten italienischen Familien entstammend, gebührende Bildung und eine Karriere als Sängerin und Model, dass diese Frau dem Mann die Show stiehlt, ist klar. Und doch ordnet sie sich anstandslos unter.
  • Valérie Trierweiler – Première Petite Amie, da nie mitFrançois Hollande verheiratet. Sie hat als moderne Frau mit Beruf und Karriere die größten Schwierigkeiten und den vermutlich ebenfalls größten Skandal bei der Trennung. Hoffnungsvoller Höhenflug zu Beginn und kläglicher Absturz.

Interessante Einblicke, geheime Details, ein Leben zwischen privatem Glück/Unglück und der Öffentlichkeit, was sich nur schwer vereinbaren lässt. Unterhaltsam geschrieben und gleichsam informativ, werden die Porträts zu einer interessanten Lektüre. Querverbindungen und Vergleiche schaffen Verbindungen und erlauben einen tiefen Einblick in die Maschinerie der französischen Politik. Bleibt die Frage, wer in weniger Monaten als nächste Première Dame den Palast betritt oder ob es ein Wiedersehen mit einer Bekannten gibt.

Jennifer Niven – Holding up the Universe

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Jennifer Niven – Holding up the Universe

 

Libby hat ihren großen Tag vor sich: zum ersten Mal seit Jahren wird sie wieder zur Schule gehen. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie sich zurückgezogen und nicht nur den Kummer in sich hineingefressen. So lange, bis sie sich nicht mehr bewegen konnte. Doch nach einem Klinikaufenthalt ist vieles anders, sie ist nicht mehr America’s fattest Teenager, aber immer noch kräftig. Wie werden die Mitschüler auf sie reagieren? Auch Jack zittert vor dem ersten Tag, aber sein Problem verfolgt ihn sogar zu Hause: seit einem Sturz kann er keine Gesichter mehr erkennen und selbst seine Eltern und Brüder sind ihm täglich aufs Neue fremd. Der Zufall führt Libby und Jack zusammen, doch die erste Begegnung ist alles andere als glücklich und lässt nicht erahnen, dass beide langsam lernen und schätzen werden, was sie aneinander haben.

Jennifer Nivens Roman ist eine recht typische Young Adult Geschichte, im Wechsel aus den Perspektiven von Libby und Jack erzählt. Jacks Erkrankung an Prosopagnosie ist dabei recht ungewöhnlich, ansonsten folgt der Roman bekannten Schemata der jugendlichen Liebesromane: sich treffen, gut finden, Zuneigung nicht zugeben können, trennen, doch zueinander finden. Dazu noch das Mantra, dass Aussehen und Gewicht keine Rolle spielen, sondern nur die inneren Werte zählen. Ich hätte mir ein paar mehr Ideen jenseits ausgetretener Wege gewünscht. Man merkt, dass der Roman für den amerikanischen Massenmarkt geschrieben wurde und die political correctness durch und durch erfüllt. Positiv lässt sich bemerken, dass sich der Roman recht flott liest, die Dialoge haben durchaus auch Unterhaltungswert. Daher eine sehr leichte Unterhaltung, die dem passenden Publikum sicher gut gefallen wird.

 

Feridun Zaimoglu – Isabel

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Feridun Zaimoglu – Isabel

 

Isabel hat genug. Es muss Ende sein und deshalb packt sie ihre Sachen und verlässt ihren Freund. Sie streift umher in Berlin, begegnet Menschen, vorrangig am unteren Ende der Nahrungskette. Verdient Geld mit zwielichtigen Aufträgen, kommt weder vorwärts noch zurück. Ihre Eltern wollen den Weg in die Bürgerlichkeit für sie ebnen, aber die präsentierten Heiratskandidaten können nicht überzeugen. Doch dann kommt Markus. Zurück aus dem Kosovo, aus dem Krieg, der ihn auch immer wieder in Berlin einholt. Auch er sucht nach einem anderen Leben, denn das alte ist es nicht wert, weitergelebt zu werden.

Ich habe nie wirklich Zugang zu Feridun Zaimoglus Roman bekommen. Zu fremd blieben mir die Figuren, vor allem Isabels launenhaftes Hin und Her, das nicht wirklich erkennen ließ, dass sie irgendeinen Plan hat, hat mich eher genervt als Verständnis für sie zu wecken. Auch die entstehende Liebe zwischen ihr und dem Soldaten – der auch meist nicht mit seinem Namen, sondern seiner ehemaligen Funktion genannt wird, was ich sehr verstörend fand – hat sich mir nicht erschlossen. Sind sie eine Zweckgemeinschaft, ein sich gegenseitig bemitleidend und haltendes Notbündnis? Natürlich gehören in dieses Setting die Menschen, mit denen man nicht unbedingt täglich Umgang haben möchte, sprechen diese eine Sprache, die man abstoßend und vulgär finden kann – das hat der Autor auch glaubwürdig und authentisch eingefangen, aber was bleibt über die Atmosphäre hinaus? Für mich gibt es keine wirkliche Erkenntnis nach dem Lesen, denn auch Sozialkritik kann ich nicht entdecken. 2014 war das Buch für den deutschen Buchpreis nominiert. Nimmt man einen ähnlichen Kandidaten aus 2016, Philipp Winklers „Hool“, der ebenfalls in einem schwer zugänglichen Milieu angesiedelt ist, so kann dieser jedoch mit viel differenzierterer Betrachtung und klarer Message punkten. Was auch immer Zaimoglu sagen wollte, mir hat er nichts sagen können.

Richard Flanagan – Die unbekannte Terroristin

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Richard Flanagan – Die unbekannte Terroristin

Gina Davis, genannt Puppe, hat Träume, mit dem Geld, das sie sich als Tänzerin in einer Nachtbar verdient, will sie irgendwann ein neues Leben anfangen. Bald schon wird sie genug zusammen haben, um eine eigene Wohnung anzuzahlen. Als Puppe nach den Mardi Gras Feiern mit einem Mann eine Nacht verbringt, ahnt sie schon, dass dies vielleicht ihrem Leben eine neue Wendung gibt, immerhin haben sie Nummern ausgetauscht. Und tatsächlich wird ihr Leben nicht mehr so sein wie zuvor: der Unbekannte war ein vermeintlicher Terrorist und sie die letzte, die mit ihm gesehen wurde. Auf pixeligen Bildern einer Überwachungskamera ist zu sehen, was die Polizei und die Medien sehen wollen: ein Terroristenpaar, das Australien in Angst und Schrecken versetzen will. Die Terrorfahndung läuft und Puppe versucht davonzulaufen.

Richard Flanagan bringt die vermutlich schlimmsten Ängste der „einfachen“ Bevölkerung auf den Punkt: einerseits der Terrorist, der wie ein guter Bürger unbekannt und unbehelligt neben einem wohnt und seine perfiden Pläne schmieden kann; andererseits das Opfer einer unheimlichen Verschwörung zu werden und keinen Ausweg mehr zu finden. Das Setting seines Romans bietet genau dies: auf der Polizei, Geheimdiensten und Politikern lastet ein enormer Druck, dem Volk Schuldige zu präsentieren, zu zeigen, dass man die Lage im Griff hat und schnellstmöglich Verbrecher ausschalten kann. Dass dieser Druck bisweilen zu voreiligen oder gar falschen Ergebnissen führt, ist offenkundig. Auf der anderen Seite steht die Protagonistin, die ihre Lage lange Zeit gar nicht erfassen kann und dann wie ein verschüchtertes Tier getrieben wird von den Medien und den Ordnungsorganen bis sie sich selbst zu einer reinen Verzweiflungstat genötigt sieht. Innerhalb weniger Tage wird aus einer Zeugin eine schwarze Witwe, die meistgesuchte Täterin Australiens, eine Frau, deren Leben in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Wie sich aus einer einzigen Information ein ganzes, verzerrtes Bild entwickeln kann und wie sich diese Dynamik nicht mehr aufhalten lässt, zeigt Flanagan auf beeindruckende Art und Weise.

Der Roman kann vor allem überzeugen durch die gelungene Kombination einer spannenden, fast krimihaften Story, die mit recht hohem Tempo voranschreitet und von einer glaubwürdigen, facettenreichen Protagonistin getragen wird. Zum anderen von Flanagans kritischen Darstellung des Lebens in einer verängstigten Gesellschaft. Die Menschen sind bereit zu glauben, was die Medien ihnen vorsetzen. Die Medien stehen unter dem permanenten Druck neue und vor allem sensationelle Nachrichten zu produzieren, um ihre Stelle am Markt zu behaupten. Die Politiker müssen liefern, Stärke zeigen und können lange Ermittlungen nicht dulden. Ein Teufelskreis indem alle sich gegenseitig antreiben und dabei völlig den Blick für die Realität verlieren, nicht mehr hinterfragen und bereit sind, die absurdesten Szenarien für möglich zu halten. Wer hier zwischen die Räder der Maschinerie gerät, kann nicht mehr heile rauskommen.

„Die unbekannte Terroristin“ – ein literarischer Beitrag zu aktuellen Entwicklungen, der uns vor Augen führt, dass wir gelegentlich innehalten und fragen sollten, ob wirklich alles so ist, wie es scheint und wer gerade bestimmt, was wir sehen und glauben sollen.
Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite des Verlags.

Zelda Fitzgerald – Himbeeren im Ritz mit Sahne

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Zelda Fitzgerald – Himbeeren im Ritz mit Sahne

 

Die Roaring Twenties in den USA gleichermaßen wie in Frankreich. Zelda Fitzgerald hat das bewegende und bewegte Jahrzehnt in ihren Kurzgeschichten festgehalten. Jedoch gibt es eine Besonderheit: die Autorin schreibt über Frauen. Junge Frauen, denen die Männer nichts zutrauen und die sich über sie erheben, Frauen, die ihren Weg gehen und ihrem eigenen Kopf folgen, statt die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen. Sie gehen tanzen, schauspielern, verwirklichen sich beruflich, träumen von Männern und geben alles für sie auf. Auf den großen Bühnen der Welt ebenso zu Hause wie in der amerikanischen Provinz. Frauen, die bereit sind, alles zu geben, für ein Leben nach ihrem Maß. Elf Mal legen sie Zeugnis ab, was Frauen schon vor 100 Jahren für ein selbstbestimmtes Dasein gewagt haben.

Zelda Fitzgerald – oft nur als Frau des bekannten F. Scott Fitzgerald wahrgenommen – zeigt, dass das Autorenpaar auf Augenhöhe die Kunst des Schreibens beherrschte. So komplex F. Scott seine Charaktere wie den unvergessenen Great Gatsby zeichnete, so vielfältig und unterschiedlich gelingt es auch Zelda in den Kurzgeschichten das Spektrum an selbstbewussten Frauen darzubieten. Sie sind mutig, anpackend, selbstbewusst, unbeirrbar, zielstrebig und zugleich begehrenswert, attraktiv, talentiert und werden bewundert. Flapper Girls, die sich auch in Paris finden ließen, die den Männern in nichts nachstanden und das Leben in vollen Zügen zu genießen wussten.

Die Geschichten sind allesamt ein Spiegelbild der 20er Jahre und lassen den Weg verfolgen, den auch Zelda und ihr Ehemann gingen. Die Handlungsorte sind im Wesentlichen in den USA und Frankreich zu finden, wo das Paar zu Hause war.  Vieles, was wir über die Frauen in den Geschichten lesen, stammt wohl auch aus Zeldas unmittelbarem Umfeld bzw. direkt aus ihrem eigenen Leben. So hat sie, ebenso wie ihr Gatte, ihre eigenen Erfahrungen als Vorlage für das literarische Werk genutzt und kann als Dokument der 1920er Jahre gelesen werden. Sprachlich bisweilen raffiniert formuliert, mal starke Gegensätze aufbietend, mal verdächtiges Understatement, das durch die Handlung mehr als widerlegt wird. Es macht nicht nur Spaß, den Frauen zuzusehen, sondern auch zu lesen, wie Zelda Fitzgerald sie verbal in Szene setzt.

Unbedingt erwähnt werden muss das wunderschöne Cover des Buches. Im Allgemeinen für mich eine unbedeutende Nebensache, hat Manesse es hier aber geschafft, ein hochattraktives Titelbild zu schaffen, das unheimlich gut die Zeit einfängt und Freude beim Betrachten macht. Das Nachwort von Felicitas von Lovenberg sollte ebenfalls nicht vergessen werden, bringt sie die Geschichten nochmals auf einen Nenner und ordnet sie prägnant und informativ in ihren Kontext ein.

Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe RandomHouse.

Bregje Hofstede – Der Himmel über Paris

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Bregje Hofstede – Der Himmel über Paris

 

Schon als er sie zum ersten Mal bei einem Freund Paul sieht, ist es um Olivier geschehen. Diese Ähnlichkeit, nicht zu fassen. Kann Sofie, genannt Fie, die Tochter von Mathilde, seiner Freundin aus jungen Jahren, sein? Als Paul ihn bittet, die junge Studentin, die gerade ein Auslandssemester in Paris verbringt, zu unterstützen, kann er dies schlecht verweigern. Was als Hilfe im Studium der Kunstgeschichte beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer schwer definierbaren Beziehung, die aber immer für beide den Hauch des nicht Erlaubten hat, schließlich ist er ihr Professor, deutlich älter und sie eine junge attraktive Studentin. Als Fie in Not ist, sucht sie Hilfe bei ihm, doch was sie damit auslöst, ist nicht abzusehen.

Ein Roman, der so wundervoll beginnt und dann doch leider in vorhersehbare Banalität abdriftet. Die ersten Begegnungen von Fie und Olivier sind geprägt von großer Unsicherheit, die die Autorin wirklich gelungen in Worte zu fassen schafft. Oliviers plötzlich hochkommende Erinnerungen an die Zeit mit Mathilde, die Schuldgefühle wegen des Kindes, das sie nie bekommen haben, die Zuneigung und Liebe, die er plötzlich wieder spüren kann wie damals. Gleichzeitig Fies Einsamkeit in der Fremde, die Leere und Unsicherheit, die Unmöglichkeit, mit diesen Menschen, die alle gerade die beste Zeit ihres Lebens zu haben scheinen, in Verbindung zu treten. Man kann sich als Leser vor dem Emotionsstrudel der beiden Protagonisten kaum retten. Man spürt, dass sich die Lage verändern, zuspitzen wird. Doch dann verläuft sich der Roman leider in wenig überraschenden Bahnen, die so abgedroschen sind, dass man sie gar nicht wiederholen mag. Leider kann die Autorin keine Überraschungen bieten, sondern bewegt sich auf ausgetreten Pfaden und der Zauber, der zuvor herrscht, löst sich in Luft auf.

Fazit: über weite Strecken lesenswert, berührend, die leicht melancholische Stimmung hervorrufend, die man nur in Paris erleben kann und die dann leider in einem raschen, einfallslosen Ende mündet.