Florian Scheibe – Kollisionen

Roman, Rezension
Eine zufällige Begegnung, einen Moment nicht aufgepasst und schon werden zwei Menschen miteinander verbunden. Die 16-jähige Mona läuft der Architektin Carina vor das Fahrrad und provoziert so einen Zusammenprall. Diese Kollision hat Folgen für beide Frauen, denn Carina ist das, was Mona verabscheut: gutbürgerlich, lukrativer Job, Teil der Gesellschaft. Mona dagegen lebt auf der Straße und von Heorinschuss zu Heroinschuss. Doch sie hat noch etwas, um das Carina sie beneidet: Mona ist schwanger. Diese erste Kollision hat scheinbar kaum physische Folgen, doch sie verändert nachhaltig Carinas Leben: nach und nach bricht alles zusammen und bald schon steht sie vor einem Trümmerhaufen, der einmal ihr Leben war.
Der Roman klang vielversprechend: zwei völlig gegensätzliche Frauen, die sich begegnen und in der Folge eine unsichtbare Verbindung haben, die sie immer wieder zueinander führt. Ein junges Mädchen, eine erwachsene Frau; eine Drogensüchtige, eine erfolgreiche Karrieristin; eine Schwangere, eine mit Kinderwunsch. Doch wird die Grundidee nicht überzeugend umgesetzt. Die Handlung wird von unglaubwürdigen Zufällen bestimmt, die einfach zu konstruiert wirken, als dass sie real sein könnten. Kaum eine der Begegnungen ist nachvollziehbar motiviert, sondern sie ereignen sich immer, weil gerade unzählige Dinge unbeabsichtigt passieren. Dazu ist mir die Figurenzeichnung zu unstimmig. Insbesondere die Nebenfiguren wie Monas Mutter wirken unausgereift und haben je nach Szene ein völlig anderes Auftreten, was sie fast wie gänzlich verschiedene Figuren wirken lässt. Hinzu kommt die Bedienung unzählige Klischees: die Volontärin, die sich dem Reporter an den Hals wirft, um ihre Karriere zu befördern; die Drogenabhängigen, die gleichzeitig Autonome und Brandstifter sind; die Kinderwunschklinik mit der Vorbildärztin, die sich ihr Kind selbst gezaubert hat; das Mädchen aus gutem Haus, das in die Drogenszene abdriftet…
Gefreut hatte ich mich auf interessante, starke Frauenfiguren, die in der Interaktion miteinander wachsen und interessanter werden. Carina fällt immer mehr in sich zusammen und entwickelt einen echten Nervfaktor. Sie wird mehr und mehr reduziert auf den Kinderwunsch, dabei muss es in ihrem Leben zuvor noch anderes gegeben haben. Es mag Frauen geben, die ihr ganzes Dasein verleugnen vor dem einen großen Wunsch, aber dadurch verliert man doch nicht gleich jede Lebensfähigkeit. Mona hingegen wird mir am Ende zu erwachsen und ihre Welt ist mir ein wenig zu rosarot. War sie zu Beginn drogenabhängig und schwanger, kann sie leichter Hand alle Probleme plötzlich lösen. Und das mit 16 auf sich alleine gestellt.

Sprachlich liest sich der Text gut, nur leider kann der Inhalt hier nicht mithalten und so das Buch als Ganzes nicht überzeugen.
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