Paul Theroux – Der Fremde im Palazzo d’Oro

Roman, Rezension, Italien, 60er
Der Maler Gilford Mariner musste 60 Jahre alt werden, um seine Geschichte erzählen zu können. Er reist zurück an den Ort, wo 1962 sein Leben eine entscheidende Wendung nahm. In Taormina auf Sizilien will er nochmals erleben, was sich damals abgespielt hat, als er als junger Student in Italien umherreiste und malte. Auf der Terrasse des Palazzo d’Oro beobachtet er ein ungleiches Paar, das auf ihn aufmerksam wird und ihn einlädt. Aus dieser kurzen Begegnung werden vier Wochen intensiven Zusammenseins, in denen Gil versucht, das Geheimnis der Gräfin und ihres Arztes Haroun zu erkunden. Vier Wochen, in denen er in eine ungleiche Affäre versinkt, die ihn anzieht und gleichzeitig abstößt. Diese reife Frau, die tagsüber so schroff und abweisend sein kann und nachts vor Sehnsucht bettelt und sich erniedrigt. Gil ist sich bewusst, dass sie ihn aushält, seinen Aufenthalt und neue Kleidung finanziert als Gegenleistung für seine Dienste und doch genießt er auch das süße Leben. Erst als er eine junge Amerikanerin trifft, gelingt es ihm, das Geheimnis der Gräfin zu lösen und sein eigenes Leben wieder zu leben.
Was sich vordergründig nach einer unzählige Male gehörten, banalen Liebesgeschichte – oder eher einer aufgrund von Macht und Geld ungleich verteilten Affäre – anhört, gewinnt durch Therouxs Schreibstil ungeahnte Tiefe. Atmosphärisch gelingt es ihm die 60er Jahre auf Sizilien vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen; leicht reist man in diese Zeit des rauschenden Lebens in Italien zurück, dass so viele Europäer und Amerikaner angezogen hat, um auch die Kriegszeit zu vergessen und das dekadente und sinnfreie Leben zu genießen. Davon träumt auch der junge Gil, der sich vom offenkundigen Reichtum angezogen fühlt, wo er doch sonst sehr spartanisch leben, reisen und essen muss. Auch wenn er das Verhältnis von Gräfin und Arzt nicht durchschauen kann, ist er bereit sich hinzugeben und auf das Spiel einzulassen, das sie mit ihm spielen.

In ebendiesem Spiel gewinnt der Roman an Format. Zwei erwachsene Menschen, die das Leben, die Menschen und die gesellschaftlichen Mechanismen durchschaut haben und sie gnadenlos dieser bedienen, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Sie spielen nicht mit Gil, sie missbrauchen ihn, nicht nur physisch, sondern schlimmer noch: psychisch. Durch ihn erhalten sie ihren Beifall und Bestätigung. Er als Person ist irrelevant, nur das, was er darstellt, ist für sie wichtig: unbeschwerte Jugend, eine Leichtigkeit und Freiheit, die ihnen abhandengekommen sind. Auch wenn sie individuelle Charaktere sind, offenbart die Gräfin am Ende dem jungen Amerikaner, dass das Leben doch zyklisch verläuft und dass das, was er gerade erlebt hat, lediglich eine Wiederholung dessen ist, was sich seit ewigen Zeiten abspielt:  der Traum von der ewigen Jugend, der Neid auf die Unbedarftheit der jungen Menschen, das, was man selbst in diesem Alter nicht schätzen konnte, weil man auf die älteren, ihre Macht und Reichtum blickte und so übersah, was man selbst hat.
Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.
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