Alissa Ganijewa – Eine Liebe im Kaukasus

Roman, Rezension

Nach einem Jahr in Moskau kehrt Patja zurück in ihr Heimatdorf in Dagestan. Dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, denn für Frauen Mitte 20 gibt es nur ein Thema: Heiraten und Kinder bekommen. Mit 26 gilt Patja schon beinahe als alte Jungfer, die niemand mehr möchte. Auch Marat, ein Anwalt, der hauptsächlich in Moskau arbeitet, erlebt dies und seine Eltern haben kurzerhand einen Hochzeitstermin ausgemacht und einen großen Saal gebucht. Nur die Braut muss noch gefunden werden. Während die beiden versuchen sich vor aufdringlichen Verehrern, alten Dorffehden und den typischen Sorgen rund um die Brautwerbung zu schützen, begegnen sie sich und verlieben sich. Sollten die Pläne der Eltern etwa ganz unerwartet erfüllt werden?

Alissa Ganijewas Roman ist bisweilen sperrig zu lesen. Dies liegt hauptsächlich an dem Aufeinandertreffen zweier sehr verschiedener Welten: einerseits die weltoffene und moderne Jugend, andererseits die in der Tradition verhafteten Dorfbevölkerung, die sich von ihren alten Geschichten nicht lösen kann. Gerade die Brautwerbung und die Hochzeit – damit verbunden eine Szene, in der ein Brautpaar von einer erbosten Mutter einer abgewiesenen Bewerberin bösartigst verwunschen wird – muten bisweilen absurd bis erschreckend an und versetzen einem lockere 100 Jahre in die Vergangenheit. Eine gewisse Distanz, die sich Patja und Marat in Moskau erworben haben, lassen auch sie die Vorgänge im Dorf amüsiert und ironisch betrachten ohne jedoch auf die Bräuche herabzuschauen und auch durchaus gewillt, dem elterlichen Willen nachzukommen.
Neben diesem Liebesgeplänkel wird aber auch die politische Situation in der kaukasischen Republik nicht verschwiegen. Es erschreckt einem schon, wie die Figuren auf die Verhaftung eines korrupten Dorfhäuptlings reagieren, von dem nur die (für die Bewohner) positiven Seiten betont werden. Auch ein Mord scheint nichts Außergewöhnliches zu sein, sondern wird mit einer gewissen Routine kommentiert. Dass hier einiges im Argen liegt, ist mehr als offenkundig.

Dass dieser Roman es auf die Shortlist des russischen Booker-Preises geschafft hat, ist leicht nachzuvollziehen. Er verlangt einiges vom Leser – aber durchaus positiv zu verstehen ist.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite des Suhrkamp Verlags.

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