René Freund – Mein Vater, der Deserteur

Wie geht man mit den Kriegserinnerungen des Vaters um? René Freund begibt sich auf Spurensuche um nachzuvollziehen, was sein Vater als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg erlebte. Mit nur 18 Jahren wird Gerhard Freund in die Wehrmacht eingezogen und nach Frankreich geschickt, wo er an sich an der Schlacht von Paris beteiligen soll. Ob all der Greueltaten um ihn herum desertiert er und wird in der Folge, nachdem die Alliierten sich langsam von der Normandie aus kommend nähern, von unterschiedlichen Lagern festgenommen, doch ein Happy End ist in Sicht. Mit seiner Familie reis René Freund nach Frankreich, um die letzten Kriegsmonate vor Ort nachzuvollziehen.
Der Autor stellt im Buch selbst die Frage nach dem Warum dieses Buches. Unzählige Geschichten gibt es bereits über die Kriegserlebnisse von Soldaten, Zurückgebliebenen, Zeitzeugen aller Art. Für mich stellt sich diese Frage nicht, denn zum einen kann dies sicherlich das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und so für einzelne Menschen von großer Bedeutung und damit Rechtfertigung sein. Zum anderen kann nur aufgrund der Unmenge an Beispielen und Dokumenten erfasst werden, was zwischen 1939 und 1945 in Europa geschah. Jeder einzelne Baustein trägt hier zu dem Gesamtbild bei und ist relevant.  Das singuläre Erlebnis ist repräsentativ für viele und es kann nur immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden, was geschah, um das Vergessen zu verhindern.
Für mich insgesamt eine gelungene Auseinandersetzung, die teilhaben lässt an den Gedanken eines Sohnes, der immer auch mit der Angst leben muss, dass sein Vater ein Mörder gewesen sein könnte und dies für sich mit dem Bild des Vaters in Einklang bringen muss. Die Darstellung zwischen gestern und heute gefällt mir gut, weil sie Abwechslung bietet und eine gute Einbettung der historischen Dokumente erlaubt, was zu einem überzeugenden, informativen Gesamttext wird.

Remy Eyssen – Schwarzer Lavendel

Der deutsche Rechtsmediziner Dr. Leon Ritter ist noch dabei sich in der Provence einzurichten und ein neues Leben nach dem Tod seiner Frau zu beginnen. In Le Lavandou hat er bei Isabelle Morell, der stellvertretenden Polizeichefin, ein Zimmer gemietet. Als ihm seine Tante ein altes Gut vermacht, ist er begeistert von der Schönheit, doch diese wird schnell getrübt, als sich angrenzend an das Grundstück eine Frauenleiche findet. Die Tote wurde zur Faszination des Rechtsmediziners mumifiziert und offenbar schon Jahre zuvor getötet. Als weitere Vermisstenfälle in der Region auftauchen, wird die Situation gefährlich: offenbar ist ein Serientäter am Werk.

Einer der vielen französischen Regionalkrimis, der versucht das Flair der Gegend einzufangen. Dies gelingt Remy Eyssen auch recht gut, weder Landschafts- noch Essensbeschreibungen wirken gekünstelt platziert, um die Handlung in der Region zu verankern. Die Figuren gefallen mir ebenfalls recht, beide Protagonisten haben gewisse Schwächen, was sie menschlich erscheinen lässt und sind ansonsten sympathisch und professionell in ihrem Handeln. Der Kriminalfall an sich hat gewisse Spannungsmomente, die wie für das Genre typisch nicht überbordend, aber doch konstant gehalten werden. Die Auflösung war für mich nicht wirklich gut motiviert und etwas zu plötzlich, ein kurzes Zwischenhoch vor Ende lies schon erahnen, wie sich die Geschichte entwickeln würde, dafür einen Punkt Abzug. Ansonsten gelungene Unterhaltung, die Erwartungen wurden voll erfüllt.