Jonathan Franzen – Purity

Pip Tyler, Anfang 20 mit horrenden Schulden aus dem Studium, weiß noch nicht so genau, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte, ihr aktueller Job ist es sicherlich nicht und die Unterkunft in einem besetzten und ziemlich heruntergekommenen Haus ist auch nicht gerade ein Traum. Aber sie weiß ja nicht einmal, wo sie her kommt, lediglich ihren richtigen Namen – „Purity“ – den sie aber nicht benutzt. Auch ihren Vater oder den richtigen Namen ihrer Mutter kennt sie nicht. Die Begegnung mit Annagret führt sie zu Andreas Wolf, dem Anführer des „Sunshine Projects“, einer Konkurrenten von Wikileaks, der sich in Bolivien niedergelassen hat. Auch Wolfs Vergangenheit ist mysteriös, dies ist aber beabsichtigt, denn immerhin hat er zu Zeiten der DDR einen Mord begangen und diesen bis dato vertuschen können. Doch es gibt einen Mitwisser, Tom Aberant, und Wolf ist sich sicher, dass dieser die Tat zu enthüllen droht. Er setzt Pip auf Tom und seine Freundin Leila an, die beide als Journalisten und Gründer für den „Denver Independent“ schreiben und dort investigativ Verfehlungen aller Art publizieren. Pip wurde nicht zufällig von Wolf ausgewählt, denn mit ihr hält er ebenfalls einen Trumpf gegen Tom in der Hand.
Jonathan Franzens Roman ist nicht ganz einfach zu fassen. Man hat im Prinzip drei unabhängige Geschichten, die von Pip, Wolf und Tom, die schließlich miteinander verknüpft werden und so erst wirklich Sinn erhalten. So verschieden die drei Figuren angelegt sind, so verschieden sind auch die Erzählungen um sie und für mich klaffen schlichtweg Welt zwischen ihnen. Spannend und am überzeugendsten ist für mich die Episode in der DDR um den jungen Andreas Wolf. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass mir die Handlung, weil sie in Deutschland spielt zugänglicher war, sondern eher, weil hier für mich die komplexen menschlichen Beziehungsstrukturen und Beweggründe am besten dargestellt wurden. Der später liegende Handlungsstrang um das Projekt in Bolivien fällt hiergegen auch deutlich ab.
Die Handlung um Pip kann mich gar nicht überzeugen, was durchaus damit zusammenhängen kann, dass die junge Frau furchtbar planlos, antriebslos und unsympathisch ist. Sie nervt bisweilen einfach furchtbar und die Intelligenz, die ihr ja offenkundig doch mit auf den Weg gegeben wurde, kommt leider nur wenig zum Einsatz, was mich als Leser furchtbar nervt. Eine nörgelnde Göre, die fern davon ist, erwachsen zu sein. Bei Toms Lebensgeschichte bin ich indifferent, insgesamt bleibt mir dieser Teil aber zu schwach und zu gering, um mit Wolf mithalten zu können.

Fazit: ein lesenswertes Werk mit interessanter Konstruktion, aber für mich nicht das Meisterwerk, zu dem ist von manchem Feuilleton gemacht wurde.
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