Carl Frode Tiller – Kennen Sie diesen Mann?

Die Rekonstruktion seines Lebens liegt vor David, denn er hat sein Gedächtnis verloren. Mit Hilfe der Erinnerungen seiner Mitmenschen soll das, was ihn und seine Vergangenheit ausmacht, wieder zusammengesetzt werden. Zunächst kommt Jon zu Wort, ein Freund wie es scheint und Musiker mit Hang zu Depressionen. Doch bald schon wird klar, dass er mehr war als nur ein Freund, sondern ein Partner, mit dem die erste Liebe entdeckt wurde. Auch Arvid, Davids Steifvater, erinnert sich an gemeinsame Episoden. Und zuletzt Silje, heute frustriert von Leben, damals hoffnungsvolle Jugendliebe und die dritte in diesem seltsamen Bund. Alle drei leben im Jetzt und im Vergangenen und zeichnen ihr Bild von David.
Die Beschreibung des Buchs klang für mich ungemein interessant und verlockend. Doch der Lesegenuss ist leider ausgeblieben. Der Autor wirft einem direkt in die Geschichte, was per se nicht schlimm ist, aber hier einfach zu verwirrend wird, bis man die Konstruktion nachvollziehen kann. Inhaltlich war für mich Jons Teil der mit Abstand stärkste, weil er die Verletzlichkeit eines homosexuellen Jugendlichen und das gemeinsame Entdecken der Liebe sehr vorsichtig und überzeugend schildert. Arvid konnte durch seine Geschichte in der Gegenwart punkten, die ebenfalls emotional und authentisch erzählt wird. Bei Silje wurde das Lesen zum Krampf. Für mich hat sich rein gar nichts zu dem abwesenden Protagonisten beizutragen, sondern ist einfach nur sehr schwer zu ertragen. Das Buch verliert hier völlig den Boden und versinkt im Gekeife und Gezeter, dass man ohne schlechtes Gewissen Zeilenweise springen kann, ohne inhaltlichen Verlust zu erleiden. Das Ziel, die Rekonstruktion dieser absenten Figur David, wird völlig aus den Augen verloren und die gemeinsamen Erinnerungen sind so viel schwächer als in den vorangehenden Kapiteln, dass man froh ist, als endlich die letzte Seite erreicht wird.

Insgesamt fehlt mir bei grundsätzlich interessanter Konstruktion das Rahmengerüst, das das Buch zusammenhält. Die großen Schwächen im letzten Teil führen leider zu einem insgesamt eher negativen Eindruck.
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