Philipp Tingler – Schöne Seelen

Die grande dame der Gesellschaft tritt ab, Millvina Van Runkle liegt im Sterben, doch auch dies will inszeniert sein. Und sie geht nicht ohne ihren Lieben noch ein paar Geheimnisse anzuvertrauen: ihre Tochter Mildred ist adoptiert, das soll diese aber nicht erfahren. Mildred hat ohnehin andere Sorgen. Der Tod ihrer Mutter lässt sie relativ kalt, herzlich war das Verhältnis nicht gerade – aber das ist es in der Züricher Welt der Schönen und Reichen eh nie, Hauptsache der Schein ist gewahrt und die Anzeige auf der Waage stimmt. Mehr belastet sie ihre Ehe und nun drängt sie ihren Mann Viktor endlich zu einer Therapie, worauf dieser so gar keine Lust hat. So vereinbar er mit seinem Freund Oskar, dass dieser für ihn die Therapie macht und ihm berichtet. Doch bald schon verfängt sich Oskar zwischen seinem eigenen und Viktors Leben und setzt so gleich beide Ehen aufs Spiel.
Ein kurioser Roman. Die ersten beiden Kapitel sind geprägt von Millvinas Ableben und der Beerdigung und zeichnen ein bissig-ironisches Bild der besseren Gesellschaft, die gerne betrogen werden möchte und bei der hinter der geschönten Fassade wenig bleibt. Oskars Therapie bildet das Herzstück des Romans und sprüht nur so vor herrlichen Dialogen zwischen Therapeut und Klient, der gar nicht therapiert werden möchte und doch durch all seine Ablenkungsmanöver immer tiefer in die eigene Seele blickt. Die Therapie, die in diesen Kreisen ebenso Accessoire ist wie die Frisur oder die aufgehübschten Augenlider, erhält plötzlich doch wieder eine Funktion.
Die Figuren sind selbstverständlich überzeichnet, gewinnen aber dadurch ihren Charme; die Gefahr einer Identifizierung mit ihnen besteht nicht, die notwendige Distanz, um diese Gesellschaftsschicht mit gebührendem Abstand zu belächeln, bleibt gewahrt. Interessant wird Tinglers Roman durch seine sprachliche Gestaltung. Er findet die passenden Formulierungen, die einem immer wieder schmunzeln lassen, da sie treffsicher auf den Punkt bringen, wie absurd sich die Figuren verhalten und wie verschoben ihr Weltbild ist. Keinesfalls bleibt der Roman aber an der Oberfläche, die Therapiesitzungen sind durchaus von einer gewissen psychologischen Tiefe geprägt, die Oskar aber an seine Grenzen bringen, denn Tiefgang gehört eigentlich nicht zu seiner Welt.

Fazit: humorvoll-ironischer Blick in die Welt der Schönen und Reichen.
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Matthew Costello/Neil Richards – Cherringham 5: Last Train to London

Otto Brendl, der allseits beliebte Juwelier und Puppenspieler, bricht beim Schulfest mit einem Herzinfarkt zusammen und stirbt. Die Schulleiterin bittet Sarah und Jack ein paar Recherchen anzustellen, denn Brendl hat leider nie dir notwendigen Formalia eingehalten und sie fürchtet, dass nun etwas ans Licht kommen könnte, was auch den Ruf der Schule schädigt. Verwunderlich sind die Sicherheitsmaßnahmen an seinem Haus, obwohl er dort außer seinen Puppen nichts aufbewahrte, aber die waren offenbar von großem Wert. Ebenfalls seltsam ist die Herkunft des Mannes, er selbst hat sich als Deutscher ausgegeben, aber das stimmte offenbar nicht, denn ein kleines Tattoo verrät, dass er wohl eher aus einem der ehemaligen Ostblockstaaten kam. Je tiefer sie graben, desto gefährlicher wird die Lage, das muss Jack am eigenen Leib feststellen und als sie herausfinden, wer Otto Brendl tatsächlich war, wird ihnen Angst und Bange – mit so einem Menschen im selben Dorf gelebt zu haben, ist schlicht unvorstellbar.
Fall fünf der cosy crime Serie aus dem beschaulichen Cherringham, der dieses Mal gänzlich anders verläuft als zuvor. Nicht nur, dass es eigentlich keinen Fall gab, sondern dieser sich erst durch die Nachforschungen ergibt, sondern auch das Ende ist völlig untypisch und wirft nun ein gänzlich anderes Licht auf die beiden Protagonisten, die bislang für Recht und Ordnung zu sorgen suchten. Nichts destotrotz gelingt es wieder die beschauliche Gegend mit ihren verschrobenen Einwohnern und alten Traditionen mit einer  – dieses Mal politische brisanten – Krimigeschichte zu kombinieren.