Jami Attenberg – The Middlesteins

Eine jüdische Familie in Chicago. Richard, seines Zeichens Apotheker, hat die Gemeinde mit aufgebaut, seine Frau Edie war erfolgreiche Anwältin. Die Kinder Robin – etwas problematische Tochter – und Benny sind inzwischen erwachsen und mit Bennys Frau und den Zwillingen, die kurz vor der Bar/Bat Mitzwa stehen, könnte alles so schön sein. Doch Richard hat die Nase voll von Edie und vor allem ihrer Fresssucht und verlässt seine Frau nach über 30 Jahren Ehe. Diese nimmt das eher teilnahmslos zur Kenntnis, hart sie doch andere Sorgen, schließlich fühlt sich gerade die ganze Familie berufen, sich um ihre Gesundheit und vor allem ihr Gewicht zu kümmern, dabei möchte Edie einfach nur alleine und in Ruhe Essen. Aber auch alle anderen in der Familie haben so ihre kleinen und großen Sorgen des Alltags, die jedoch alle hinter der großen Feier zurückstehen müssen.
Eine unkonventionelle Familiengeschichte, die nicht chronologisch und aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet wird. Der typisch jüdische Humor fehlt hier auch in keiner Weise und man merkt, dass nicht alles ernst genommen werden muss, auch wenn es letztlich doch um ganz essentielle Themen wie der individuellen Lebensgestaltung, der Zusammengehörigkeit als Familie und Einsamkeit geht. Jami Attenberg gelingt die Gratwanderung zwischen unterhaltsam und ernsthaft und sie lässt den Leser spüren, dass sie alle ihre Figuren mit all ihren kleinen und großen Fehlern gern hat und diese es verdient haben trotz allem geliebt zu werden. So wie im echten Leben.

Fazit: ein wundervoller Roman, der jedes Lob zu Recht bekommen hat.

Hila Blum – Der Besuch

Ausgerechnet in dieser Woche kündigt sich ein Besucher an, den sie schon beinahe vergessen hatten. Nili und Nati sind alleine, die Töchter sind bei Verwandten untergekommen und das Paar könnte die Zweisamkeit genießen. Stattdessen will Duclos sie besuchen, ein französischer Millionär, der ihnen einst in Pais aus der Patsche geholfen hat. Die Ankündigung wirft Nili aus der Bahn, denn die letzten Worte, die sie mit ihm gewechselt hatte, hat sie nie vergessen, seine Zweifel an dieser Beziehung nagen an ihr und so lässt sie während Jerusalem unter der Hitze leidet das Leben mit Nati, dessen Tochter aus erster Ehe und ihrer gemeinsamen Tochter Revue passieren.
Die Rahmenhandlung – das Warten auf das Wiedersehen mit dem Franzosen – liefert Anlass und Spannung für den Roman. Weshalb sucht er sie nach all den Jahren auf und was wird er sagen? Hatte er vielleicht doch Recht und konnte schon damals noch während der ersten Verliebtheit erkennen, dass das zwischen Nati und Nili nicht funktioniert und nur der Alltag kaschiert, was eigentlich schon nicht mehr funktioniert? Alle Beziehungen im Roman werden hinterfragt, kurze Episoden, die Risse offenbaren und tiefe Schnitte, die Dysfunktionalitäten offenlegen und Schwächen und Ängste zum Vorschein bringen. Das erlösende Gewitter am Ende, das überraschend verlaufende Zusammentreffen und ein Kinderspiel reinigen schließlich die Luft.

Fazit: ein tiefer Roman, der Einblick in die Gedanken- ebenso wie Gefühlswelt einer Frau gibt und alle Facetten spiegelt.