Gillian Flynn – Dark Places

Libby Day, jüngstes von vier Kindern ist gerade einmal sieben als ihre Familie ausgelöscht wird. Als Täter kommt nur ihr großer Bruder Ben in Frage, der daraufhin für Jahrzehnte ins Gefängnis wandert. Viele Jahre später wird Libby mit ihrer Vergangenheit erneut konfrontiert und stellt erstmals die Frage, ob das, was sie glaubt in der verhängnisvollen Nacht beobachtet zu haben, tatsächlich das war, was wirklich geschah. Zwischen Vergangenheit und Heute zeichnet sie die Ereignisse des kalten Januartages nochmals nach, stellt Nachforschungen an und erkennt, dass manchmal offensichtliche Dinge doch ganz anders sein können als sie scheinen.
Gillian Flynns zweiter Roman ist noch weit von dem entfernt, was ihr später mit „Gone Girl“ gelingt. Das Grundkonzept – aus verschiedenen Perspektiven dieselben Ereignisse erzählen und mit den unterschiedlichen Möglichkeiten der Realitätswahrnehmung spielen – verwendet sie auch hier schon, doch bleibt die emotionale Einbindung des Lesers, wie es „Gone Girl“ meisterlich gelingt, schlichtweg aus. Die Figuren sind durch die Bank unsympathisch aber in einer Weise, die sie einem egal werden lässt. Es fehlt die durchtriebene Schläue, die sie späteren Figuren verleiht und bleibt nur eine gewisse Asozialität, die das Buch über weite Strecken ziemlich abstoßend macht. Der Plot ist zwar insgesamt tatsächlich schlüssig (daran glaubte ich zwischendurch sehr lange nicht), aber gegen Ende hin zu aufgebläht, um realistisch zu erscheinen.

Fazit: kann „Gone Girl“ bei weitem nicht das Wasser reichen, keine Leseempfehlung.

P.D. James – An Unsuitable Job for a Woman

Nach dem Tod ihres Partners steht Cordelia Gray plötzlich alleine da mit der Pryde Detektivagentur. Ihr erster Fall alleine führ sie zu Sir Ronald Callender, der den Tod seines Sohnes untersuchen lassen möchte. Dieser hat sich scheinbar selbst umgebracht, doch der Vater hat Zweifel an den Aussagen der Polizei. Vieles im Umfeld von Sir Callender erscheint seltsam. Warum hat Mark sein erfolgreiches Studium in Cambridge einfach aufgegeben, um als Gärtner zu arbeiten, noch dazu wo ihn bald schon eine große Erbschaft erwartet. Seine Freunde scheinen ebenfalls etwas zu verbergen und der Laborassistent des Vaters erscheint ebenfalls als verdächtiger Bursche. Cordelia beginnt nachzuforschen und trifft neben einer Mauer des Schweigens schon bald auch auf ganz alte Geschichten, die mit Mark begraben werden sollten.
Ein überzeugender britischer Krimi, der nichts zu wünschen übrig lässt. Das Milieu: klassisch bessere Gesellschaft, die ihre Distanzen wahr und sich abzugrenzen weiß und über das notwendige Personal verfügt, das schon mal seine Augen und Ohren aufsperren kann. Die Ermittlerin wirkt erfrischend unkonventionell aber clever und kann entsprechend sauber Zufälle das Rätsel lösen. Die Dialoge wirken authentisch, so dass der ganze Plot mit mehreren unerwarteten Wendungen gespickt realitätsnah und glaubwürdig wird.

Fazit: klassischer Krimi nach altem Muster.

Viveca Sten – Tödlicher Mittsommer

Auf der beschaulichen Schäreninsel Sandhamn wird die Leiche eines Mannes angespült. Offenbar lag er schon länger im Wasser und hat sich in einem Fischernetz verfangen. Da es keine Anzeichen von Fremdeinwirkung gibt, geht Kommissar Thomas Andreasson von einem Unfall aus. Als jedoch nur wenige Tage später die Cousine und einzige Verwandte des Mannes ebenfalls ermordet auf der Insel aufgefunden wird, liegt der Verdacht des heimtückischen Mordes auf der Hand. Aber was hatten die beiden auf der Insel zu suchen? Und vor allem: wen haben sie besucht? Die Anzahl der Bewohner ist überschaubar, aber keiner scheint sie gesehen und gesprochen zu haben. Ein dritter Toter bringt langsam Licht ins Dunkel.
Viveca Sten schafft es, die beschauliche Sommeridylle, die bisweilen durch Massen von Touristen auch gestört wird, geschickt mit einem interessant konstruierten Mordfall zu verbinden und so Krimispannung und literarische Erholung in den Schären miteinander zu verbinden. Der Fall ist komplex genug, um verschiedenste glaubwürdige Spuren zu erlauben und nicht direkt zum Mörder zu führen und wird sauber gelöst und glaubwürdig motiviert. Die Figuren, allen voran die beiden Protagonisten Nora und Thomas, haben ihre Ecken und Kanten ohne jedoch wie so viele andere gerade skandinavische Ermittler in Depression und Alkoholsucht zu versinken. Die wirken authentisch, lebensnah und ihre private Geschichte läuft nebenbei ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen.

Fazit: spannende Unterhaltung, die nicht nur den Mord zu bieten hat.