David Almond – My Name is Mina

Ein außergewöhnliches Mädchen schreibt sein außergewöhnliches Tagebuch. Mina heiß sie und ihre Umwelt merkt schnell, dass sie irgendwie anders ist. Mit wachsamen Augen beobachtet sie ihre Umwelt, doch dann nehmen die Dinge in ihrer Phantasie Reißaus und laufen ihr förmlich davon. genauso die Figuren in ihren Schulaufsätzen. Sie machen einfach nicht, was sie sollen. Und so dauert es nicht lange, bis ihre Mutter einbestellt wird, um über das Problemkind zu reden. Doch entgegen der Erwartung der Schulleitung nimmt Minas Mutter ihr Kind einfach mit nach Hause und beschult sie dort. Bzw. Mina beschult sich selbst, denn täglich entdeckt sie neue Dinge, Vögel werden beobachtet, genauso wie die Menschen. Und alles hält sie fest in ihrem Tagebuch, das voll ist von Berichten über das, was sie gelernt hat und wo die Worte endlich tun können, was sie einfach tun wollen: sie neuformieren, auch mal Unsinn anstellen und schlichtweg schön sein.

Ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Roman, der auf der Shortlist für den britischen Kinder- und Jugendbuchpreis Carnegie Medal 2012 stand. Zwar kommt vieles lustig und zum Schmunzeln daher, aber es wird doch offenkundig, wie schwer es für Kinder mit einer offenkundig hohen Intelligenz und einer ausufernden Phantasie ist, sich in den geordneten Bahnen von Schule und Gesellschaft anzupassen – bzw. es stellt sich die Frage, warum sie das sollten. ist nicht dieses Mädchen perfekt, wie sie ist? Lernt sie nicht unendlich mehr durch ihren wachen Gang durchs Leben als das mit vorgefertigten Arbeitsblättern im Einheitsmarsch in der Schule passieren kann? Nicht für alle sind pauschale Einheitslösungen ideal und David Almond führt auf unterhaltsame Weise vor, was uns verloren geht, wenn wir Impulse dieser hochkreativen Menschen zwanghaft versuchen zu unterbinden. 

Herman Koch – Sehr geehrter Herr M.

Herr M. baut seine literarische Karriere auf einem wahren Fall auf: zwei Schüler, Herman und Laura, werden verdächtigt ihren Geschichtslehrer Jan Landzaat ermordet zu haben. Nur die Leiche hat man nie gefunden, so dass es auch nicht zur Anklage kommt. Für die Wahrheit hat sich Herr M. nur peripher interessiert, sondern seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Fast 40 Jahre nach der Tat rückt ihm jedoch ein neuer Nachbar auf den Pelz, der noch eine Sache klarstellen möchte: seine Version der Ereignisse, denn nur er kann wissen, was in der Winternacht wirklich passierte, oder war etwa doch alles ganz anders?
Ein Roman, der unterschiedliche Zeiten und Erzählersichten kombiniert, hin und her springt zwischen dem aktuellen Leben des Autors und seiner Begegnung mit seinem Verfolger und dessen Erinnerung an die Schulzeit, zu der sich das Verschwinden Landzaats zugetragen hat. Der jedoch kommt auch zu Wort und kann eine weitere Perspektive hinzufügen, so dass am Ende eine verzwickte Figurenkonstellation entsteht, in der alle Schuld und Geheimnisse tragen. Langsam nähert sich Hermann Koch dem Finale und baut durchaus gelungen eine unterschwellige Spannung auf, denn hier handelt es sich weniger um einen Krimi – auch wenn ein Mord geschieht – sondern eine interessante Figurenstudie gleich mehrerer außergewöhnlicher Charaktere.  Der Erzählton angenehm leicht mit gewissen Spitzen, durch die Rückblenden wird die Aufklärung verzögert, aber notwendigerweise die Vorgeschichte gelungen eingewoben.

Fazit: unterhaltsame Geschichte, die weniger von der Spannung als von den Figuren lebt.

Paula Hawkins – The girl on the Train

Jeden Tag im Zug beobachtet Rachel eine recht biedere Wohngegend und überlegt, wer wohl die Menschen sind, sie dort leben. Sie selbst wohnte dort ebenfalls einmal, in einem anderen Leben, vor der Scheidung und bevor sie angefangen hat zu trinken. Sie fährt eigentlich auch gar nicht zur Arbeit, denn ihren Job hat sie schon vor langer Zeit verloren, doch das mag sie gegenüber ihrer Mitbewohnerin nicht zugeben und hält daher den Schein aufrecht. Doch eines Morgens bekommt eine der Fassaden einen Riss, als sie eine der Bewohnerinnen einen anderen Mann küssen sieht. Es kommt jedoch noch schlimmer: genau diese Frau, Megan, wird kurz danach vermisst und dann ermordet aufgefunden. Was ist geschehen? Für Rachel tut sich ein Abgrund auf, denn sie war am Tatabend vor Ort, um ihren Exmann, der immer noch dort wohnt, zu sehen. Doch sie war so betrunken, dass sie sich an nichts erinnern kann. Kurze Erinnerungen schleichen sich ein, doch sie bekommt sie nicht in ein vertrauenswürdiges Bild. Auch die Polizei will ihr keinen Glauben schenken, obwohl sie diesen anderen Mann auch ganz sicher gesehen hatte. Daher wendet sie sich an den trauernden Ehemann und setzt damit weitere Ereignisse in Gang.
Der Roman ist geschickt konstruiert, da er auf verschiedenen Zeitebenen spielt und unterschiedliche Perspektiven anbietet. Es sind die Frauen, Rachel als Beobachterin, Megan, das Opfer, und Anna, die neue Frau von Rachels Ex, die die Ereignisse aus ihrer jeweiligen Position schildern. Rachel als Alkoholiker, Megan mit offenkundigen psychischen Problemen und Anna als unsympathische und rücksichtslose „Neue“ bieten dabei alle drei keine vertrauenswürdige Berichterstattung an, so dass man hin und her gerissen ist zwischen Glauben und Zweifel, was der Spannung ausgesprochen zuträglich ist. Insbesondere die Figur der Rachel ist glaubwürdig und facettenreich gezeichnet, wie sie als Alkoholikerin kämpft für ihr Leben, gegen die Abhängigkeit, versucht, eine Normalität und Schein aufrechtzuerhalten und doch immer wieder scheitert. Der Mordfall wird ebenfalls in sich logisch erklärt und nachvollziehbar aufgelöst.

Fazit: Für mich ist es kein Thriller wie im Klappentext angeführt, denn dafür fehlt mir die psychologische Spannung. Aber ein sehr überzeugender und unterhaltsamer Krimi ist es allemal.