Rosa Likson – Abteil Nr. 6

Eine Zugfahrt von Moskau nach Ulan Bator in der Mongolei. Eine junge Finnin muss sich das Abteil mit einem älteren Mann teilen. Schon von der ersten Sekunde an ist sie von ihm angewidert. Seine derben Witze, sein grober Ausdruck und noch viel mehr seine frauenverachtenden Anmachen. Doch ein Wechsel in ein anderes Abteil ist nicht möglich und so sind sie mit einander gefangen, während draußen die Weiten der Sowjetunion vorbeiziehen. Sie erzählen sich ihr Leben, teilen ihr Schicksal, gehen gemeinsam aus, wenn der Zug mal wieder eine Zwangspause in Sibirien einlegen muss. Kommen sich näher – nehmen wieder Abstand. Beobachten das Land draußen und die Enge drinnen. Erzählen von ihrem Leben und den Enttäuschungen.
Kein leichtes Buch, sondern das ganze Ausmaß menschlichen Lebens, vor allem die negativen und schweren Seiten, in ein Abteil gepackt. Die Schicksalsgemeinschaft der zwei so verschiedenen Figuren, die namenlos bleiben, die sich ineinander spiegeln und gleichzeitig angezogen und abgestoßen werden. Auch die Sprache spielt dieses Spiel – zwischen Poesie und niedrigster Gosse changiert sie locker dahin. Für mich das Spannendste die detailreichen Beschreibungen der Orte und Landschaft, aber auch die kleinen Zwischentöne über das Leben in der Sowjetunion, die Situation der Ausländer und der Frauen. Dass die Autorin das Land kennt und genau studiert hat, geht aus jeder Zeile des Romans hervor und nicht umsonst wurde er mit dem Finlandia Preis ausgezeichnet.

Ein alles andere als alltäglicher Roman.
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