José Ovejero – Das Erfinden der Liebe

Ein Anruf eines unbekannten Mannes reißt Samuel aus seiner Lethargie. Clara ist tot und wird wenige Tage später beerdigt. Samuel kennt keine Clara, entschließt sich aber dennoch zur Trauerfeier zu gehen, wo er vom Ehemann der Verstorbenen verprügelt wird. Alle Gäste sind ihm unbekannt, aber offenbar hatte die Verstorbene einen Liebhaber mit demselben Vornamen. Carina, Claras Schwester, nimmt zu ihm Kontakt auf, vor allem, weil sie den Mann kennenlernen möchte, für den Clara ihre Ehe aufs Spiel gesetzt hat. Samuel findet sie attraktiv und so erfindet der die Liebesgeschichte zwischen sich und Clara, bis ihm eines Tages der richtige Samuel begegnet.

Ein kurioses Spiel um die Liebe, die im Entstehen ist und erfunden wird. Carina und Samuel kämpfen um die Erinnerungen an Clara, doch irgendwie gelingt es ihnen immer wieder ähnliche Bilder hervorzurufen. Auftrieb erhält die Geschichte mit dem Auftauchen des zweiten Samuel und der Frage, ob der erste sein Schauspiel weiter aufrechterhalten kann. Viele Facetten der Liebe treten zutage und bisweilen fragt man sich, was wohl an Erinnerung bleibt, wenn man selbst nicht mehr ist.
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Gerald Kersh – Ouvertüre um Mitternacht

London im zweiten Weltkrieg. Während Hitler mit der Ermordung abertausender Juden in Deutschland begonnen hat, wird im Umfeld der Bohème-Bar ein 10-jähriges Mädchen aufgefunden, ebenfalls Jüdin. Schnell zeigt sich, dass der Mörder unter den Stammgästen der Bar zu finden sein muss. Die Polizei ermittelt zwar, Detective Turpin kommt jedoch nicht voran, so dass schließlich Asta Thundersley die Initiative ergreift, um das Verbrechen zu sühnen. Gemeinsam mit ihrer Schwester stellt sie dem Mörder eine Falle. Doch dieser fällt nicht so schnell darauf herein.

Zwei energische Schwestern, die sich ansonsten nicht immer herzlich vertragen, überlisten gemeinsam den Täter. Neben der Krimihandlung tritt hier vor allem die düstere Stimmung zu Kriegszeiten – vor allem auch der Umgang mit dem jüdischen Volk – als wesentliches Element hervor, was psychologisch tief in die Figuren blicken lässt. Die Ermittlungen sind spannend, vor allem das Katz und Maus Spiel zwischen Mörder und Verfolgern. Insgesamt eine interessante Umsetzung des Themas.

Michael Behrendt – Steinefresser

Steinefresser – So nennt man die Polizisten, die bei Demonstrationen an der Front stehen und die Steine der Gewaltbereiten „fressen“ müssen.  Wolf Schacht hat so auch einmal angefangen und sich dann den schweren Weg hinauf gebahnt bis zum Teamführer einer SEK Einheit. Da er merkt, dass langsam die Zeit gekommen ist, sich etwas Neues zu suchen für die restlichen Arbeitsjahre, macht er ein Praktikum bei der Mordkommission. Gleich der erste Tote bietet besondere Brisanz: ein ehemaliger Kollege Schachts, der jetzt als Personenschützer für Politiker arbeitet. Was von den Behörden schnell als Suizid abgetan wird, beschäftigt Schacht, denn daran kann er kaum glauben. Zunächst auf eigene Faust, dann auch durch einen Vorgesetzten inoffiziell ermutigt, legt er mit privaten Ermittlungen los, nicht ahnend, dass er ein ganz heißes Eisen anpackt und sich ranghohe Feinde schafft. Ohne Rückendeckung und Auffangnetz geht er der Wahrheit auf den Grund und bringt sich in Lebensgefahr.
Michael Behrendt hat einen glaubwürdigen, authentisch wirkenden Protagonisten geschaffen, der restlos als lonesome wolf überzeugen kann. Feste Überzeugungen, ein starker Sinn für eine Gerechtigkeit – die sich nicht immer mit dem Gesetzt deckt – leiten und treiben ihn an. Die Geschichte wirkt auf mich nicht nur logisch und spannend, sondern ist erschreckend vorstellbar in der Realität. Lange Zeit bleiben die wahren Zusammenhänge unklar und verborgen, erst nach und nach lichtet sich der Schleier, derweil bahnt sich Schacht unnachgiebig seinen Weg und hält den Leser im Bann.
Ich bin eigentlich kein Fan von diesen einsamen Ermittlern, die auch gerne mal die robustere Tour fahren – Michael Behrendts Protagonist konnte mich aber überzeugen und bestens unterhalten. Für mich im Genre eine erfreuliche Ausnahme von der 0815- Ermittlerdarstellung.