Prosper Mérimée – Carmen

In Andalusien trifft der Erzähler auf einen Unbekannten, der sich als gesuchter Ganove herausstellt. Zwar kann er ihm noch zur Flucht verhelfen, doch einige Zeit später trifft er ihn in Haft wieder und erfährt dort von ihm seine Lebensgeschichte. Als aufstrebender Offizier trifft er auf die Romni Carmen, die ihn zugleich verzaubert und der er zur Flucht bei der Verhaftung verhilft. Von da an geht sein Leben stetig bergab. Jede Begegnung mit Carmen, der er restlos verfallen ist, führt ihn weiter ins Verderben. Erst verdingt er sich als Schmuggler, doch bald schon wird er morden – und Carmen wird ebenfalls mit dem Leben bezahlen.

Die Geschichte ist in Opernform weithin bekannt, eine klassisch tragische Liebesgeschichte. Interessant waren für mich vor allem Mérimées Überlegungen und Beobachtungen im letzten Kapitel zu den Roma bzw. führt alle zur damaligen Zeit gebräuchlichen Bezeichnungen für die Obergruppe der „Zigeuner“ auf. Aus heutiger Sicht mit gedrilltem politisch korrektem Sprech eher verwunderlich, aber in der Detailbeobachtung durchaus interessant, gerade der Vergleich zwischen Deutschland und Spanien. 
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Joris-Karl Huysmans – Monsieur Bougran in Pension

M. Bougran ist ein vorbildlicher Beamter, vor kurzen erst wurde er ausgezeichnet. Doch er muss Platz machen für einen Günstling und so wird er kurzerhand in Pension geschickt. Alle beteuern ihm, wie toll es ist, jetzt so viel Zeit und Freiheit zu haben, doch schon nach wenigen Tagen im Park überfällt ihn eine unsägliche Langweile. Nach einem Besuch im Büro erfasst in Tatendrang und er richtet sich zu Hause ein Büro ein, wo er mit festen Arbeitszeiten selbst gestellte Aufgaben bewältigt. Doch der Austausch fehlt, also wird sein ehemaliger Laufbursche Huriot bei ihm privat eingestellt. Er kennt die Vorgaben genau und weiß, wie wichtig Sorgfalt ist – und so arbeitet er sich schließlich zu Tode.

Huysmans greift in seinem Text aus dem Jahre 1888 Kafka vor, denn seine Figur des M. Bougran ist gefangen im Bürokratenjargon und kann gar nicht anders, als bis an sein Ende der vorgegebenen Taktung folgen. Seine eigene Erschöpfung verarbeitet er hier in der Figur des Bougran. Interessant ist die Grundfrage des Textes auch heute noch: wie sehr definieren wir uns über unsere Arbeit und was bedeutet es, wenn wir dort keine Anerkennung mehr finden?

Massimo Carlotto – Die dunkle Unermesslichkeit des Todes

Silvio Contin muss den vermutlich schlimmsten Schicksalsschlag überhaupt hinnehmen: bei einem Überfall werden seine Frau und sein 8-jähriger Sohn ermordet. Doch nur einer der Verbrecher kommt hinter Gitter, der andere, der mutmaßliche Schütze bleibt in Freiheit und Raffaello Beggiato schützt seinen Komplizen, denn der hat das Geld. Nach fünfzehn Jahren Haft ist Beggiato jedoch am Ende, unheilbarer Krebs zeichnet seine letzten Tage. Durch Begnadigung könnte er freikommen, doch dafür braucht er Contins Unterschrift. Dieser will den Mord an seiner Familie rächen und sieht seine Chance auf Rache gekommen.

Ein typischer Carlotto, der in die Abgründe der menschlichen Seele steigt und Gefühle unermesslicher Intensität hervorholt. Sein Protagonist wandelt sich vom Opfer, dem man das Leben zerstört hat, zum Racheengel, der das vollendet, wozu die Polizei nicht imstande war. Kein Krimi, bei dem man den Täter sucht, denn die sind alle bekannt. Die Frage bleibt nur: wer ist am Ende härter und grausamer als die anderen. Und der Leser muss sich fragen, ob aus Opfern auch Täter werden und ob Täter nicht auch Opfer sein können.

Anne-Laure Bondoux – Le temps des miracles

Das Leben im Kaukasus der Nachsowjetzeit ist alles andere als einfach, das lernt auch der kleine Koumaïl schon früh. Mit seiner Adoptivmutter Gloria ist er auch der Flucht vor Krieg und Vertreibung in Richtung Frankreich, dem Land der Menschenrechte, wo Egalité, Fraternité und Liberté noch gelebt werden. In seinem grünen Atlas hat er sich das Land seiner Träume bereits angesehen. Aber es gibt noch einen Grund für dieses Ziel: er selbst ist Franzose und heißt eigentlich Blaise Fortune. Seine Mutter kam bei einem schweren Zugunglück ums Leben und Gloria hat sich seiner angenommen. Allabendlich erzählt sie ihm seine Lebensgeschichte und schenkt ihm Hoffnung, seine Mutter und sein Geburtsland eines Tages zu sehen. Die Reise ist gefährlich. Schlepper müssen bezahlt werden, das tägliche Überleben ist ein Kampf, mühsam verdienen sie sich das Essensgeld und der Krieg rückt stetig näher. Doch schließlich sitzen sie in einem Transporter, der sie das entscheidende Stück mitnehmen wird. Kurz hinter der deutsch-französischen Grenze jedoch wird Koumaïl von der Polizei aufgegriffen und Gloria ist verschwunden. Erst Jahre später wird er seine wahre Lebensgeschichte erfahren.

Ein Jugendbuch, das von einem ganz anderen Leben erzählt, als man es in Westeuropa kennt. Ohne wirklich Gräuel darzustellen ist der harte Kampf ums schiere Überleben jedoch präsent und kommt eindrücklich beim Leser an. Nichtsdestotrotz gibt die Figur der Gloria Hoffnung – immer wieder tröstet und ermutigt sie den Jungen, nach vorne zu blicken und auf die Zukunft zu schauen, die besser sein wird. Das Ende, das wie ein Schock auf ihn wirkt, geht auch am Leser nicht spurlos vorbei. Man kann sich die Not der Menschen vorstellen und auch wozu sie bereit sind, um den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.