Jennifer duBois – Ein gutes Mädchen

Lily ist kurz vor ihrem 21. Geburtstag und bricht auch nach Argentinien zum Auslandsstudium. Fernab der Eltern will sie endlich sie selbst sein und nicht mehr im Schatten der verstorbenen Schwester leben. Die ersten Wochen sind von Leichtigkeit gekennzeichnet, auch wenn ihre Gasteltern streng sind und scheinbar etwas zu verbergen haben. Auch Katy, mit der sie ein Zimmer teilt, wird keine enge Freundin werden – zu perfekt ist dieses Mädchen und zu unnahbar. Mit dem schwerreichen Nachbarsjungen Sebastien beginnt Lily schnell eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, doch dann wird sie aus ihrem Leben gerissen und findet sich im Gefängnis wieder. Die Anklage lautet auf Mord an ihrer Zimmergenossin.
Jennifer duBois lehnt ihre Geschichte an den Fall Amanda Knox an, weshalb es zunächst schwerfällt, den Figuren unvoreingenommen gegenüberzutreten. Durch einen stetigen Perspektivenwechsel gelingt dem Leser jedoch auch andere Seiten der Protagonistin zu sehen, deren Wahrnehmung kennenzulernen und plötzlich offen vor der Frage zu stehen, wer den Mord begangen haben mag. Vielschichtig wird das Familienleben von Lily gezeichnet, ebenso bleiben die anderen Figuren nicht vage, sondern sind derart komplex gezeichnet, dass ein einfaches Urteil und Sicherheit unmöglich werden. Lediglich das Opfer bleibt unbestimmt, distanziert, nicht greifbar und liefert somit auch kein Motiv.
Interessant war für mich auch die Frage nach dem Titel. Es kommt selten vor, dass ich das Original weniger passend finde („Cartwheel“) als die deutsche Version. „Ein gutes Mädchen“ – wer ist damit gemeint? Lily oder Katy und aus wessen Sicht? Oder ist es doch viel mehr ironisch zu verstehen? Die Mehrdeutigkeit passt sehr gut zum gesamten Roman, der am Ende mehr Fragen offen lässt als er beantwortet. Vielleicht ist er damit näher an der Realität als es Fiktion je sein kann.

Ein außergewöhnlicher Roman, der zudem vom Aufbauverlag in ein haptisch und optisch schönes Buch verwandelt wurde. 
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