JK Rowling – The casual vacancy

Im beschaulichen Pagfort scheint die Welt in Ordnung als eines abends das Ratsmitglied Barry Fairbrother nach einem Aneurysma tot umfällt. Durch diesen tragischen Todesfall kommt es zu einer Vakanz und das, wo doch direkt eine wichtige Entscheidung bevorsteht: sollen „The Fields“, ein sozialschwaches Viertel, in dem sich auch eine Methadonklinik befindet, umgemeindet und der Stadt Yarvil angeschlossen werden soll. Nach und nach formieren sich die Bewerber und strategisch wird ausgeklügelt, wie Befürworter und Gegner der Abstoßung von „The Fields“ einen Sieg bei der Wahl für sich verbuchen können. Dass so eine lokalpolitische Frage dermaßen viel Unheil wie in der Folge geschildert wird, anrichten kann, ist fast unglaublich, aber durchaus vorstellbar. Neurosen und Ängste werden sichtbar, jahrelang verdrängte Bedürfnisse und Geheimnisse kommen zum Vorschein, existentiellen Fragen darüber, ob man eigentlich das Leben lebt, das man leben wollte, müssen sich die Bewohner stellen. Dabei ahnen sie nicht, dass der heimtückischste Gegner aus einer ganz anderen Ecke scharf schießen wird.

JK Rowling hat einen für mich überzeugenden Roman geschrieben. Ein ganzes Geflecht von Dorfklüngel wird aufgebaut, komplexe Beziehungen mit und ohne langjährige Vorgeschichte, Charaktere mit sehr individuellen Bedürfnissen und Schwächen finden zusammen und bedingen ihren gegenseitigen Niedergang. Der Anfang ist nicht ganz leicht, es sind eine Reihe von Figuren vorhanden und den Durchblick muss man erst finden, aber nach und nach entfaltet sich diese kleine Welt und führt dem Leser vor, wohin Eitelkeit, Selbstüberschätzung, Egozentrik und mangelnde Empathie führen können. Für mich schon jetzt eines der Lesehighlights des Jahres.

Volle Punktzahl: 5/5

Roland Krause – "Der Tod kann warten"

Kommissar Sandners neuester Fall. Eine Entführung, ausgerechnet die Mutter des Oberstaatsanwalts ist aus dem Seniorenstift verschwunden und eine Drohung liegt auch schon vor. Ein alter Mordfall rückt in den Fokus, bei den damaligen Ermittlungen sei der Falsche beschuldigt und verurteilt worden. Sandner muss also undercover ran – in eine der miesesten Gegenden der Stadt. Schon am ersten Abend wird im seine Dienstwaffe entwendet, bald darauf ist schon der erste Tote – natürlich mit seiner Waffe verwundet – zu beklagen und der wird nicht der einzige bleiben. Das Team arbeitet rund um die Uhr, begibt sich in höchste Gefahr, doch die Ermittlungen kommen lange nicht voran. Bis sich zeigt, dass in den eigenen Reihen auch falsche Fufziger zu finden sind und die immer auf dem aktuellsten Stand der Ermittlungen sind. Jetzt muss Sandner kreativ werden.

Roland Krause besticht in seinem Roman einmal mehr mit den wunderbar unterhaltsamen und unorthodoxen Charakteren, die auf ihre Weise den Fall angehen. Was mir – wie auch schon beim Vorgänger – besonders auf- und gefällt, ist der messerscharfe und bisweilen bissige Wortwitz, der sich durch das Buch zieht und oftmals sogar die Handlung übertrumpft. Der Fall ist dieses Mal recht komplex, was leider dazu führt, dass er sich zwischendurch ein wenig in die Länge zieht und es so gar nicht vorankommt. Nichtsdestotrotz völlig glaubwürdig, sauber mit Humor gelöst und gelungene Unterhaltung.

4,5/5

Markus Rößler – "Purgatorium. Tödliche Sühne"

Ein verstümmelter Toter in einer Scheune stellt die Polizei vor ein Rätsel. Die am Tatort hinterlassenen Zeichen – ein ominöses T sowie eine römische Zehn – lassen die Ermittler rat- und ideenlos zurück. Der Leser ist schon weiter, denn der Täter lässt ihn an seinem Rachefeldzug teilhaben. Wenn die irdischen Instanzen der Kirche seine göttliche Aufgabe schon nicht erkennen, muss er deutlichere Zeichen setzen und selbst die Rache Gottes über die Menschen bringen, das Fegefeuer auf Erden. Seine nächsten Opfer hat er bereits im Visir – ebenso wie den finalen Showdown, den er mit dem ermittelnden Linnemann vorgesehen hat. 

Die Grundidee ist vielversprechend. Der religiös verblendete Serientäter, der sich wegen der erlittenen Qualen und Ablehnung rächt, im Spiel mit der Polizei. Leider bleibt der Blick in die Gedankengänge des Fanatikers zu kurz, um hierüber Spannung und Verständnis aufzubauen. Die Ermittler auf der Gegenseite bestechen durch durchgängig abstoßende Charakteristika. Linnemann ist geschätze 40 Jahre zurückgeblieben in jeder Hinsicht, etwas langsam und sehr beschränkt im Denken, technikfern und mit einfachem Weltbild gesegnet. Seine Kollegen Bender ist ein saufender Hooligan, der besonders durch misogyne Ansichten und primitives Verhalten auffällt. Die Frauenfiguren erfüllen alle Klischees: dummes Hausweibchen, mönnerhassende Karrierefrau und sexbesessenes Dummchen. Dieses abstoßende Personal, dem leider ganze Raum eingeräumt wird, zerstört leider die gute Idee hinter dem Roman, auch die Spannung bleibt daher auf der Strecke. Einige etwas relitätsferne Ausführungen kommen dann zu einem vorhersehbaren und eher  schwachen Finale, das mich enttäuscht zurücklässt. 
3/5

Camilla Macpherson – Am Tag und in der Nacht

Claires Leben scheint perfekt, sie hat den passenden Mann geheiratet und erwartet mit ihm sehnsüchtig die Geburt von Oliver. Ein Überfall verändert alles, das Baby wird nie auf die Welt kommen und Claire stürzt in eine tiefe Krise. Ein Bündel Briefe einer gewissen Daisy, die während des zweiten Weltkriegs in London lebte und ihrer Freundin in Kanada vom Krieg, der Liebe und den Ausstellungen in der britischen Hauptstadt berichtet, bringt sie langsam ins Leben zurück und in die Arme von Dominic, mit dem alles so viel einfacher ist. Soll sie mit ihm einen Neuanfang wagen oder gibt es eine Chance für ihre Ehe?

Ich kann nicht nachvollziehen, wie das Buch seinen Weg auf meinen SUB gefunden hat, seichte Frauenromane mit viel Gejammer und Gesülze sind nicht mein Genre. Macphersons Roman gehört dank der langen Bilderbeschreibungen zu den etwas anspruchsvolleren des Genres, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass es doch nur darum geht, wie Claire und Rob wieder zusammenfinden und die Welt wieder rosarot wird (man soll ja nie das Ende verraten, aber in diesem Genre gibt es ja nur einen möglichen Ausgang). 
Fazit: schnell zu lesen, nicht sehr anspruchsvoll, obligatorisches Happy-End mit leichtem intellektuellem Anstrich. Wirkliches Plus: die Abbildungen auf der Innenseite des Umschlags.

Vilmos Kondor – Der leise Tod

Budapest 1936, die politische Lage ist instabil, der Druck aus Deutschland wird langsam spürbar, auch ungarische Juden sind zunehmend Repressalien ausgesetzt. Der Tod eines jüdischen Freudenmädchens scheint auch niemanden zu interessieren, obwohl dies ausgesprochen ungewöhnlich ist. Zsigmond Gordon, seinerseits Journalist, beginnt mit Nachforschungen und stößt mehr und mehr auf Widerstände. Es ist offenkundig, dass etwas verheimlicht werden soll, spätestens als er lebensgefährlich verletzt wird und seine Freundin eine klare Drohung erhält, bemerkt er, mit wem er sich angelegt hat. Doch warum musste die hübsche Fanny wirklich sterben? Ein Dickicht politischer Verstrickungen tut sich auf und das hässliche Gesicht der Nazis, das auch vor Leben junger Mädchen nicht Halt machte, zeigt sich immer klarer.

Ein ungewöhnlicher Roman. Die Kriminalgeschichte ist spannend, überzeugend gelöst und passend historisch eingebettet. Die Situation in Budapest Mitte der 30er Jahre wird sehr deutlich und ist glaubwürdig dargestellt. Mängel sind leider die Figuren, die zu flach bleiben und kaum persönliche Züge zeigen. Speziell Gordon kann bei mir keine Sympathien wecken und seine Freundin, die durchaus Potential hätte, wird ebenfalls zu oberflächlich gezeichnet. Für mich ebenfalls nicht so spannend waren die vielen Boxkämpfe, auf deren detaillierte Darstellung ich hätte verzichten können. Daher bleibt der Roman am Ende nur schwaches Mittelmaß.

3/5

Alice Munro – Dear Life

Alice Munro, Nobelpreisgewinnerin 2013 für Literatur, hat mit 82 Jahren ihren nach eigenen Angaben letzten Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Dies ist ihre Textform, einen ganzen Roman hat sie nie geschrieben. In „Dear Life“ entführt sie den Leser in eine andere Zeit, vorwiegend während oder kurz nach dem 2. Weltkrieg nach Kanada. Weniger die großen Städte, sondern mehr das Leben auf dem Land rückt sie in den Fokus – mit all seinen Einschränkungen und zum Teil verbohrten Bewohnern, was vor allem den Frauen, inbesondere den Mädchen und jungen Erwachsenen schwer zu schaffen macht. Die Frauen stehen bei Alice Munro im Zentrum, über sie schreibt sie und ihre Welt stellt sie dar.

Die Geschichten sind sehr verschieden. Gemeinsam ist ihnen oft einen Wendepunkt oder ein zentrales Ereignis im Leben der jeweiligen Protagonistin einzufangen (männliche Hauptfiguren sind selten). Der Kampf mit den Vorurteilen, Einstellungen und Erwartungen an Frauen ist recht häufig das zentrale Thema. Die Protagonistinnen sind meist Außenseiterinnen, sei es, da ihre Familie am Rand der Gesellschaft steht, sei es weil sie eigentümlich und eigenwillig sind und sich nicht fügen wollen. Mein persönlicher Favorit ist „Haven“, der Mut, sich einfach über Dinge hinwegzusetzen und am Ende dafür belohnt zu werden, ist inspirierend.

Sprachlich gefällt mir Alice Munro sehr gut. Man merkt, dass sie einer anderen Zeit entstammt und ihre Formulierungen sind entrückt und bezaubernd.

5/5

Don DeLillo – Cosmopolis

Als Eric Packer am Morgen entscheidet, dass es ein guter Tag zum haare schneiden wäre, ahnt er noch nicht, was dieser tag für ihn auf Lager hat. Nicht nur ist ganz New York dank eines Besuchs des Präsidenten und einer Demonstration von Globalisierungsgegnern gesperrt, so dass das Fahren zur Tortur wird, sondern ein Mann will Rache an ihm nehmen und hat dies genau geplant. In seiner unheimlich langsam vorankommenden Limousine erledigt Eric die alltäglichen Dinge: riskante Spekulationen mit dem japanischen Yen, er trifft sowohl seine Frau wie auch die Geliebte, wird von seinem Arzt untersucht und erfährt dank der Allgegenwart der Nachrichten auch, was außerhalb seines komfortablen Gefährts vor sich geht. Einen Aufsteiger der New Economy entgeht nichts und gleichsam ist es ihm egal, was außerhalb seines begrenzten Radius vorsichgeht. Und wenn Millionen von Dollars verzockt werden – so what? The show must go on.

Don DeLillo hat schon 2003 erahnt, was uns nur wenige Jahre später alle in eine globale Krise stürzen würde. Wie immer treffsicher und punktgenau zeichnet er seine Figuren und lässt kein gutes Haar an den rücksichtslosen Spekulanten, die jeden Kontakt zur normalen Welt verloren haben. Wie auch in seinen anderen Roman fängt er die Stimmung in unglaublicher Weise ein und zieht sein Publikum in einen Bann.

4,5/5

Lovelybooks-Challenge 2014

Übersicht der Challenge und erledigte Aufgaben.

Erfüllt: 20/20

  1. Bücher, die erstmalig vor 2010 erschienen sind: Eckhard Henscheid – „Die Vollidioten“
  2. Bücher, die Teil einer Reihe sind:  Roland Krause – „Der Tod kann warten“
  3. Bücher, die ein vorranging rotes Cover haben: Vilmos Kondor – „Der leise Tod“
  4. Bücher, deren Buchtitel eine Zahl enthalten: Claudia S. Rapp – „Zweiundvierzig“
  5. Bücher, die ausschließlich als Taschenbuch / Broschur erschienen sind (nicht als Hardcover):  Zoe Beck – „Brixton Hill“
  6. Bücher, bei denen der Vor- oder der Nachname des Autors mit dem gleichen Buchstaben beginnt, wie der Buchtitel: Bernhard Schlink – „Selbs Mord“
  7. Bücher, die bisher noch keine Rezension auf LovelyBooks haben (es zählt der Zeitpunkt des Lesebeginns): Romain Gary – „Les trésors de la mer rouge“
  8. Bücher, in denen es ums Essen geht und das auch durch den Buchtitel, das Cover o.Ä. ausgedrückt wird: wenn auch Trinken gilt: van Deus – „Die Ampullen von Lorenzini“
  9. Bücher von deutschsprachigen Autoren: Christian Biesenbach – „Sonne, Wind und Mord“
  10. Bücher, die weniger als 250 Seiten haben: Elke Schwab – „Urlaub mit Kullmann“
  11. Bücher, auf denen hauptsächlich Schrift und kein vordergründiges Covermotiv zu sehen ist: Jenk Saborowski – „Argwohn“
  12. Bücher von Autoren, die schon mindestens 5 Bücher veröffentlicht haben: JK Rowling – „The Casual Vacancy“
  13. Bücher, die in der Hardcover-Ausgabe einen Schutzumschlag haben: Bernhard Aichner – „Die Totenfrau“
  14. Bücher, deren Buchtitel aus mindestens 5 Wörtern bestehen: Camilla Macpherson – „Am Tag und in der Nacht“
  15. Bücher, die aus einer anderen Sprache als dem Englischen oder Französischen übersetzt wurden: Arnaldur Indridason – „Duell“
  16. Bücher, die in einer Stadt mit mehr als 1 Mio. Einwohner spielen: Carla Kalkbrenner – „Die Sonne über Berlin“
  17. Bücher, die in einem unabhängigen Verlag erschienen sind (keine Verlagsgruppen / Konzerne): Markus Rößler – „Purgatorium. Tödliche Sühne“
  18. Bücher, auf deren Cover mindestens 3 Lebewesen zu sehen sind (es zählen Menschen & alle Tierarten): Wolfgang Schorlau – „Am zwölften Tag
  19. Bücher, die auf LovelyBooks mit 4,5 – 5 Sternen bewertet sind (es zählt der Zeitpunkt des Lesebeginns):  Judith Winter – „Siebenschön“
  20. Bücher, deren Hauptfigur mindestens 10 Jahre jünger oder älter als ihr selbst ist: Catherine Jinks – „Teuflisches Genie“