Vilmos Kondor – Der leise Tod

Budapest 1936, die politische Lage ist instabil, der Druck aus Deutschland wird langsam spürbar, auch ungarische Juden sind zunehmend Repressalien ausgesetzt. Der Tod eines jüdischen Freudenmädchens scheint auch niemanden zu interessieren, obwohl dies ausgesprochen ungewöhnlich ist. Zsigmond Gordon, seinerseits Journalist, beginnt mit Nachforschungen und stößt mehr und mehr auf Widerstände. Es ist offenkundig, dass etwas verheimlicht werden soll, spätestens als er lebensgefährlich verletzt wird und seine Freundin eine klare Drohung erhält, bemerkt er, mit wem er sich angelegt hat. Doch warum musste die hübsche Fanny wirklich sterben? Ein Dickicht politischer Verstrickungen tut sich auf und das hässliche Gesicht der Nazis, das auch vor Leben junger Mädchen nicht Halt machte, zeigt sich immer klarer.

Ein ungewöhnlicher Roman. Die Kriminalgeschichte ist spannend, überzeugend gelöst und passend historisch eingebettet. Die Situation in Budapest Mitte der 30er Jahre wird sehr deutlich und ist glaubwürdig dargestellt. Mängel sind leider die Figuren, die zu flach bleiben und kaum persönliche Züge zeigen. Speziell Gordon kann bei mir keine Sympathien wecken und seine Freundin, die durchaus Potential hätte, wird ebenfalls zu oberflächlich gezeichnet. Für mich ebenfalls nicht so spannend waren die vielen Boxkämpfe, auf deren detaillierte Darstellung ich hätte verzichten können. Daher bleibt der Roman am Ende nur schwaches Mittelmaß.

3/5

Alice Munro – Dear Life

Alice Munro, Nobelpreisgewinnerin 2013 für Literatur, hat mit 82 Jahren ihren nach eigenen Angaben letzten Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Dies ist ihre Textform, einen ganzen Roman hat sie nie geschrieben. In „Dear Life“ entführt sie den Leser in eine andere Zeit, vorwiegend während oder kurz nach dem 2. Weltkrieg nach Kanada. Weniger die großen Städte, sondern mehr das Leben auf dem Land rückt sie in den Fokus – mit all seinen Einschränkungen und zum Teil verbohrten Bewohnern, was vor allem den Frauen, inbesondere den Mädchen und jungen Erwachsenen schwer zu schaffen macht. Die Frauen stehen bei Alice Munro im Zentrum, über sie schreibt sie und ihre Welt stellt sie dar.

Die Geschichten sind sehr verschieden. Gemeinsam ist ihnen oft einen Wendepunkt oder ein zentrales Ereignis im Leben der jeweiligen Protagonistin einzufangen (männliche Hauptfiguren sind selten). Der Kampf mit den Vorurteilen, Einstellungen und Erwartungen an Frauen ist recht häufig das zentrale Thema. Die Protagonistinnen sind meist Außenseiterinnen, sei es, da ihre Familie am Rand der Gesellschaft steht, sei es weil sie eigentümlich und eigenwillig sind und sich nicht fügen wollen. Mein persönlicher Favorit ist „Haven“, der Mut, sich einfach über Dinge hinwegzusetzen und am Ende dafür belohnt zu werden, ist inspirierend.

Sprachlich gefällt mir Alice Munro sehr gut. Man merkt, dass sie einer anderen Zeit entstammt und ihre Formulierungen sind entrückt und bezaubernd.

5/5