Judith Schalansky – Der Hals der Giraffe

„Ein Bildungsroman“ hat Judith Schalansky ihren Roman untertitelt. Und in der Tat geht es um Bildung: im Zentrum steht die Lehrerin Inga Lohmark. Biologie und Sport – die beiden Lebenswissenschaften vermittelt sie tapfer auch nach Untergang des Sozialismus und obwohl ihre Schule vor der Schließung steht. Mit Argusaugen beobachtet und beurteilt sie ihre Schüler – das menschliche Potenzial, das man ihr vorsetzt, wird von Jahr zu Jahr schwächer. Physisch wie intellektuell. Aber eigentlich sind eh alle nur Stereotypen, hundertfach gesehen, in der schlimmsten Phase ihrer Entwicklung – der Pubertät – eigentlich eine Zumutung. Die Kollegen sind da auch nicht besser, biedern sich an, haben nicht verstanden, worauf es im Unterricht und im Leben ankommt: Disziplin, Fleiß, Anstrengung. Mürrisch bis sarkastisch blickt Inga Lohmark auf ihr Umfeld und merkt bisweilen sogar, dass ihr auf der zwischenmenschlichen Ebene einiges fehlt.

Der kurze Roman offenbart vieles der Lehrerin, deren Wirken und letztlich Leben leider sinnlos bleibt, da das Wesentliche fehlt: ihre Tochter und Zuneigung. Die Vergleiche aus der Biologie, messerscharf auf alle Lebenssituationen umgesetzt, sind schlichtweg herrlich, sprachlich ist das Buch ein Hochgenuss und zurecht bejubelt worden. Ist man lange Zeit noch gehässig bei der Protagonistin, offenbart sich mehr und mehr die psychologische Ebene und man gewinnt einen anderen Eindruck, Mitleid macht sich breit. Ein offenes Ende lässt einem ratlos zurück und doch hat man dabei in einen Spiegel geblickt und durchaus was erkennen können.

*****/5

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