John le Carré – Empfindliche Wahrheit

Was passiert, wenn eine geheime Mission schiefläuft und die Wahrheit besser nicht an die Öffentlichkeit kommen sollte? Wie geht man mit Mitarbeitern um, die einfach zu viel Moral besitzen und an die Aufrichtigkeit staatlicher Institutionen glauben wollen? Der britische Geheimdienst hat dies oerfektioniert und mit Hilfe privater Investoren ein Netz aufegbaut, das sich sehr effizient um unbequeme Begleiterscheinungen kümmert. Kit ist so eine ungemütliche Begleiterscheinung, die leider auch nach Jahren auf schönstem Karibikposten keine Ruhe gibt, vor allem nicht, als ein alter Bekannter im seine achlimmsten Befürchtungen bestätigt. Er will sich damit nicht abfinden und erbittet Hilfe bei dem jungen Toby Bell, dem einerseits eine große Karriere im Foreign Office bevorsteht, der aber selbst auch schon länger gehörige Zweifel an seinem Arbeitgeber hat. Doch ahnen die beiden, wer tatsächlich ihr Gegner ist und können sie sich dank jahrelanger Erfahrung im Geheimdienst schützen?

John le Carré ist zurück und hat mit seinem Roman um Whistleblower ein hochaktuelles Thema gefunden. Man merkt dem großen Geheimdienstexperten an, dass seine Zeit eine andere war, er verzichtet auf die große Technik und arbeitet sich klassisch am Thema ab. Nicht einmal E- Mails werden geschrieben, was den Roman erfrischend von der Masse abhebt und sich nahtlos in die bekannte Reihe von le Carrés Agenten einfügt, Smiley lässt grüssen. Zunächst ist der Einstieg jedoch schwierig, sehr verwirrend baut sich der Krimi erst langsam auf. Zeitangaben hätten eine Orientierung hier deutlich erleichtert. Bisweilen sind auch ein paar Begrifflichkeiten in der deutschen Übersetzung etwas holprig geraten. Überzeugen kann „Empfindliche Wahrheit“ durch die Figuren, die in Überzeugung des richtigen Handelns ihr Leben riskieren und das größere Gut über ihr persönliches Wohlbefinden und die Karriere stellen. Weder Profitgier noch Ruhm treiben sie an, sondern urmenschliches Mitgefühl und Aufrichtigkeit, was fast banal klingt, aber in einer komplexen, hochtechnologisierten und individualisierten Welt positiv hervortritt.
Handwerklich wie immer überzeugend, komplex strukturiert und aktuell wie nie.