Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen

Vor genau 70 Jahren veröffentliche Irmgard Keun zum ersten Mal ihren Tagebuch-artigen Roman um die 18-jährige Doris. Zu Beginn lebt diese in einer nicht weiter genannten mittleren Stadt im Rheinland, wo sie in einem Büro arbeitet und langweilige Briefe tippen muss, bei denen sie immer die Kommas vergisst, da Zeichensetzung sie einfach nicht inspiriert. Mit ihrer Kollegin Therese träumt sie von einem besseren Leben, ein Glanz möchte sie werden und berühmt. Sie spürt, dass etwas in ihr ist, das raus möchte und so wirft sie ihren Job hin und beginnt mit einer kleinen Rolle am Theater. Männern macht sie schöne Augen und gefällt auch gut, was sie geschickt mit ihren Alltagsbedürfnissen verbindet. Nur Hubert, den sie liebt, kann sie nicht glücklich machen, denn er muss eine standesgemäße Frau heiraten.

Nachdem sie einen Feh gestohlen hat, muss Doris flüchten und so kommt sie ins turbulente Berlin, wo sie bei Tilli Unterschlupf findet. Doch ohne Papiere und Anstellung ist das Überleben schwer und irgendwann ist kein Mann mehr da, der sie versorgen kann. Nachdem sie bereits mehrere Tage im tiefen Winter in der Stadt umhergeirrt ist, nimmt Ernst sie auf, weil er selbst gerade so traurig ist. Seine Frau hat ihn verlassen und er sucht nur menschliche Nähe – jedoch nicht körperlich. Die abgemagerte Doris schläft die erste Zeit nur, bis ihre Lebensgeister wieder wach werden und sie geradezu in der Rolle der Ehefrau aufgeht. Sie versorgt den Haushalt und nach und nach entsteht auf beiden Seiten so etwas wie Liebe. Doch Ernst kann seine Hanne nicht vergessen und so steht Doris irgendwann wieder auf der Straße mit der Erkenntnis, dass ein Glanz zu werden vielleicht doch nicht alles ist im Leben.

Irmgard Keun trifft den Ton eines naiven jungen Mädchens aus der Provinz hervorragend. Die großen Träume, ebenso wie die kleinen Freuden und Enttäuschungen sind glaubhaft geschildert. Schmunzelt man bisweilen über Doris, erschrickt man ein anderes Mal ob der Dreistigkeit, mit der sie die Männer regelrecht ausnimmt. Doch eigentlich hat man Mitleid mit dem Mädchen, das letztlich herzensgut ist und doch auch nur ein wenig Glück verdient hätte.

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